Erweiterung der Repräsentativen Liste: Traditionelle Bewässerung
Am 31. März 2026 wurde der UNESCO offiziell der Antrag zur Erweiterung des Elements „Traditionelle Bewässerung: Wissen, Technik und Organisation“ übermittelt. Vorgesehen ist eine Ergänzung um die Länder Frankreich und Griechenland sowie um die Bewässerungspraxis in Theresienfeld in Niederösterreich. Das Element ist für Österreich bereits seit 2023 auf der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit eingetragen und wird nun gemeinsam von neun Ländern dem Expert*innengremium der UNESCO vorgelegt.
Die Einreichung mit dem englischen Titel „Traditional irrigation: knowledge, technique, and organization“ verbindet Österreich, Belgien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, Luxemburg, die Niederlande und die Schweiz. Seit 2023 ist das Element bereits für sieben dieser Länder Teil der internationalen Listen der UNESCO. Durch ein gemeinsames Erweiterungsansuchen soll die Eintragung nun um zwei weitere Länder – Frankreich und Griechenland – ergänzt werden. Außerdem wird auf nationaler Ebene die Eintragung um die Bewässerungspraxis in Theresienfeld erweitert.
Das Element der Traditionellen Bewässerung
Traditionelle Bewässerung ist eine landwirtschaftliche Methode, bei der Wasser mithilfe der Schwerkraft über Kanäle, Gräben oder sogenannte Waale auf landwirtschaftliche Flächen geleitet wird. Dabei werden Felder für kurze Zeit gezielt geflutet, um sie zu bewässern. Die Bewässerung erfolgt nach klar festgelegten Regeln und Zeitplänen, die von lokalen Bewässerungsgemeinschaften organisiert und überwacht werden. Um das Wasser auf die Felder zu leiten, werden temporäre kleine Gräben angelegt, Kanäle geöffnet oder künstliche Überläufe geschaffen.
Diese Form der Bewässerung erfordert ein tiefes Wissen über Landschaft, Wasserführung und Wetterbedingungen. Über Generationen weitergegebenes Erfahrungswissen ermöglicht eine nachhaltige und effiziente Nutzung der vorhandenen Wasserressourcen.
Traditionelle Bewässerung in Österreich: Tirol und Niederösterreich
In Österreich wird traditionelle Bewässerung im Tiroler Oberland sowie in der Steinfeldgemeinde Theresienfeld in Niederösterreich praktiziert. Während die Tiroler Rieselbewässerung bereits Teil der internationalen Eintragung ist, soll diese nun durch die Bewässerung in Theresienfeld ergänzt werden. Die Tiroler Rieselbewässerung wurde 2018 in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, die Bewässerung in Theresienfeld folgte 2022. Technisch handelt es sich bei beiden Praktiken um vergleichbare Systeme. Aufgrund unterschiedlicher landschaftlicher Bedingungen und historischer Entwicklungen unterscheiden sich jedoch Organisation und konkrete Ausführung der Bewässerung in den beiden Gebieten.
Allerdings besteht zwischen ihnen eine historische Verbindung: Im 19. Jahrhundert siedelten Menschen aus dem Tiroler Oberland nach Theresienfeld über und praktizierten dort die Traditionelle Bewässerung, um das Gebiet landwirtschaftlich zu bewirtschaften. Diese Verbindung spiegelt sich u.a. auch im Namen des Tirolerbachs wider, des Hauptkanals, der die Bewässerung in Theresienfeld speist. Mit der gemeinsamen UNESCO-Einreichung wird diese historische und kulturelle Verbindung nun auch auf internationaler Ebene sichtbar.
Immaterielles Kulturerbe und die UNESCO
Die UNESCO-Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes wurde 2003 als Ergänzung zur Welterbekonvention ins Leben gerufen. Sie richtet den Blick auf überliefertes Wissen, traditionelle Praktiken und den Umgang von Gemeinschaften mit ihren lokalen Ressourcen und Lebensräumen. Die Traditionelle Bewässerung stellt ein jahrhundertealtes Wissenssystem dar, das zur nachhaltigen Nutzung von Wasserressourcen beiträgt und zugleich den sozialen Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaften stärkt. Darüber hinaus leistet die Praxis wichtige Beiträge zur nachhaltigen Entwicklung. Durch die Bewässerung kann beispielsweise der Grundwasserspiegel stabilisiert werden, was lokale Auswirkungen von Trockenperioden und Extremwetterereignissen abmildern kann und damit zum Klimaschutz beiträgt (SDG 13). Auch die mit der Bewässerung verbundenen Kanäle und Waale fördern die Biodiversität und unterstützen vielfältige Lebensräume für Pflanzen und Tiere (SDG 15).
Über die Internationalen Listen
Wer entscheidet über eine Aufnahme?
Die Vertragsstaatenkonferenz ist das oberste Organ der UNESCO-Konvention von 2003, der derzeit 185 Staaten angehören. Sie wählt unter anderem das Zwischenstaatliche Komitee, das aus 24 Mitgliedstaaten besteht und für eine Amtszeit von vier Jahren tätig ist. Dieses Komitee entscheidet über die Aufnahme neuer Elemente in die internationalen Listen des immateriellen Kulturerbes.
Die internationalen Listen des immateriellen Kulturerbes
Elemente aus nationalen Verzeichnissen können für verschiedene internationale Listen der UNESCO nominiert werden. Dazu zählen die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit (derzeit 716 Eintragungen), das Register guter Praxisbeispiele (derzeit 43 Eintragungen), sowie die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes (derzeit 90 Eintragungen).
Die Traditionelle Bewässerung wurde für die Repräsentative Liste eingereicht. Gerade bei dieser Liste kommt es häufig zu sogenannten Erweiterungen: Elemente, die bereits von einigen Staaten eingetragen wurden, können um weitere Länder ergänzt werden, sofern dort vergleichbare Praktiken existieren. Eine solche Erweiterung erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen den bereits beteiligten Staaten und Gemeinschaften sowie den neu hinzukommenden Partnern. Der erweiterte Antrag wird vom UNESCO-Komitee wie eine neue Einreichung geprüft. Die Begutachtung und Entscheidung nimmt in der Regel ein bis zwei Jahre in Anspruch.
Links
- Link zur Eintragung „Traditional irrigation: knowledge, technique, and organization“ in der Repräsentativen Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit
- Eintragung nationales Verzeichnis der Rieselbewässerung im Tiroler Oberland
- Eintragung nationales Verzeichnis der Traditionellen Bewässerung in der Steinfeldgemeinde Theresienfeld




