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Österreichische UNESCO-Kommission

 

75 Jahre UNESCO – quo vadis?

Die „Verankerung des Friedens im Geiste der Menschheit“ ist gemäß ihrer Verfassung das erklärte Ziel der UNESCO, die - auf den Tag genau - heute vor 75 Jahren in London gegründet wurde. Ein Auftrag, der bis heute nichts an Gültigkeit und Notwendigkeit verloren hat. Im Gegenteil.

Kommentar von Sabine Haag, Präsidentin der Österreichischen UNESCO-Kommission

Am 16. November 1945, nur wenige Monate nach Kriegsende, wurde von den Vertretern von 37 Staaten das Gründungsdokument für eine UN-Sonderorganisation unterzeichnet, die die Friedenssichernde Mission der Vereinten Nationen durch die Förderung der internationalen Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft und Kultur aktiv mittragen sollte. Ins Leben gerufen wurde die UNESCO im Geiste der Vereinten Nationen von einer Generation an Politikern und Intellektuellen, die die Verheerungen und Folgen zweier Weltkriege selbst unmittelbar miterlebt hatten, in einem historischen Kontext, der sich in vielen Aspekten deutlich von der gegenwärtigen geopolitischen Situation unterschieden hat. Besonders in den vergangenen Jahren, denen viele Kommentatoren eine „Krise des Multilateralismus“ attestierten, wurde immer wieder (sicherlich auch teils berechtigte) Kritik an der UNESCO, aber auch am UN-System insgesamt geübt. Fehlende Schlagkräftigkeit, Schwerfälligkeit, politische Vereinnahmung und die generelle Frage nach der allgemeinen Relevanz in der Welt des 21. Jahrhunderts standen und stehen im Raum. Wie notwendig ist also eine Organisation, deren Grundstrukturen und Prinzipien vor einem dreiviertel Jahrhundert geschaffen wurden?

Spätestens in Zeiten akuter globaler Herausforderungen – wie diese Pandemie wohl eine der einschneidendsten der jüngsten Geschichte ist und die Klimakrise eine solche sein wird – wird deutlich, dass individuelle Alleingänge auf nationalstaatlicher Ebene zwar vielleicht kurzfristig sichtbar, langfristig jedoch nicht erfolgreich sein werden können. Die COVID-19 Pandemie hat bekanntermaßen nicht nur eine weltweite Gesundheitskrise ausgelöst, sondern auch eine tiefgreifende Krise des kulturellen Lebens und des Bildungswesens nach sich gezogen. Auch wenn sich die Situationen in unterschiedlichen Teilen der Welt in den Details unterschiedlich darstellen mögen, handelt es sich um globale Phänomene: weltweit wurden Schließungen von Bildungs- und Kultureinrichtungen, Schulen, Universitäten, Museen und Theatern vollzogen - und damit massive Eingriffen in das gemeinschaftliche Leben mit bislang noch kaum vorherzusehenden Folgen.

Die Krise betrifft also wie kaum ein anderes Ereignis die Kernthemen und Mandate der UNESCO. Die UNESCO war es auch, die als eine der zentralen Institutionen in Bildungs- und Kulturfragen auf internationaler Ebene rasche Schritte setzen konnte. Neben der Etablierung eines Monitorings für Schulschließungen stand die Gründung einer globalen Bildungskoalition – bestehend aus multilateralen Partnern, privatwirtschaftlichen Akteur*innen und zivilgesellschaftlichen Organisationen –  im Zentrum, um Mitgliedstaaten dabei zu unterstützen, Fernunterricht zu verbessern und integrativer und gerechter zu gestalten. Die Tätigkeiten der Koalition in den verschiedenen Ländern ist vielfältig: von der Bereitstellung von offen zugänglichen Bildungsangeboten, der Unterstützung der Lernenden und Lehrpersonen bis hin zur Verfügungstellung von Infrastruktur und technischem Equipment. Die ebenso von der UNESCO angestoßene „ResiliArt“-Bewegung wendet sich hingegen an Kulturschaffende und versucht, über internationale Vernetzung Möglichkeiten und Antworten auf die Fragen dieser Kulturkrise zu finden und jenen eine hörbare Stimme zu geben, die akut von dieser betroffen sind.

Am deutlichsten sichtbar wurde in diesem Jahr wohl eine Notwendigkeit: die Stärkung internationaler wissenschaftlicher Zusammenarbeit, etwa durch die aktive Förderung von Open Science, deren weitreichenden Chancen vor dem Hintergrund der globalen Krise zunehmend an Bedeutung gewinnen.

75 Jahre nach ihrer Gründung steht die UNESCO nicht nur einer gänzlich veränderten Welt, sondern auch neuen Problemen gegenüber. Zu ihren ursprünglichen, beinahe schon klassischen Aufgaben des Kulturgüterschutzes oder der Bewahrung von Umwelt, Biodiversität und natürlichen Ressourcen haben sich, trotz immer knapper werdender finanzieller Ressourcen, Fragen der Digitalisierung, der Künstlichen Intelligenz und – immer virulenter werdend – den Problemstellungen des Klimawandels in das ohnehin schon breite Themenspektrum der Organisation gereiht.

Kritik an der UNESCO gab und gibt es immer wieder. Die UNESCO reagiert darauf mit einem ambitionierten Reformbestreben unter der Ägide der aktuellen Generaldirektorin Audrey Azoulay. Viele Kritikpunkte mögen aber auch einer gewissen Erwartungshaltung gegenüber einer multilateralen Organisation geschuldet sein, die nur bis zu einem gewissen Grad erfüllt werden kann. Klar muss sein, dass die UNESCO nur so stark sein kann, wie ihre Mitglieder dies zulassen. Und dies wiederum war immer Schwankungen unterworfen. Insbesondere der Austritt der USA, bedeutend als Finanzgeber und geopolitisch starke Stimme, hat zudem zu einer massiven Schwächung, nicht nur der Organisation, sondern des Multilateralismus insgesamt geführt. Jüngste Äußerungen des frisch gewählten US-Präsidenten Joe Biden machen jedoch Hoffnung, dass dem Multilateralismus wieder eine größere Rolle zukommen und Bedeutung beigemessen werden könnte.

Die UNESCO hat in den vergangenen Monaten bewiesen, dass das vor 75 Jahren erdachte System der multilateralen Kooperation nicht obsolet geworden ist. In ihrem Bezug auf die Grundideen der Menschenrechte – als erste UN-Organisation noch vor der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 und ihrer Einbindung zivilgesellschaftlicher Kräfte war die UNESCO zudem bereits zu ihrer Gründung innovativ. Aktuelle Initiativen, etwa das unlängst verabschiedete Übereinkommen zur einfacheren Anerkennung von Qualifikationen im Hochschulbereich oder die Bestrebungen im Bereich Ethik der künstlichen Intelligenz zeigen, dass die UNESCO auch 75 Jahre später als globales „laboratory of ideas“ zukunftsweisende, innovative Lösungen in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Kultur bieten kann. Es bleibt also zu hoffen, dass dieser erfolgreiche Weg gesehen wird und weiter beschritten werden kann. Denn globale Herausforderungen brauchen globale Lösungen und starke Institutionen, die diese tragen können.

Sabine Haag (*1962 in Bregenz) ist seit 2009 Direktorin des Kunsthistorischen Museums in Wien und seit 2018 Präsidentin der Österreichischen Unesco-Kommission.

Am 16. November 1945 wurde in London der Grundstein für die Arbeit der UN-Sonderorganisation UNESCO gesetzt. 37 Staaten unterzeichneten die Verfassung der UNESCO.
© UNESCO / Eclair Mondial
Die erste UNESCO-Generalkonferenz fand von 19. November bis 10. Dezember 1946 in Paris statt.
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In der Verfassung ist die Leitidee der UNESCO formuliert: „Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.“
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