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Immaterielles Kulturerbe

Bräuche, Wissen, Handwerkstechniken  
Foto: © UNESCO/James Muriuki

Living Heritage: 10 Jahre Immaterielles Kulturerbe in Österreich

Vor genau 10 Jahren, am 9. Juli 2009, ist in Österreich das Übereinkommen zum Schutz des Immateriellen Kulturerbes in Kraft getreten. Doch was bedeutet Immaterielles Kulturerbe und wie vielfältig sind Bräuche und Praktiken in Österreich? Denn: Die Blattgoldschlägerei, Erfahrungswissen im Umgang mit Lawinengefahr oder die österreichische Gebärdensprache – all das spiegelt die Bandbreite des gelebten Kulturerbes in Österreich wider.

Diese – und noch viele weitere Praktiken – sind aktuell im Nationalen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich gelistet. Das Verzeichnis besteht seit 2010 und wird von der Österreichischen UNESCO-Kommission im Auftrag des Bundes geführt. Mittlerweile enthält es 117 Elemente und spannt einen Bogen von darstellenden Künsten, gesellschaftlichen Praktiken, über traditionelles Handwerk bis hin zum Umgang mit der Natur. Immaterielles Kulturerbe rückt den Menschen und seine kulturellen Praktiken in den Mittelpunkt, denn nur die jeweilige Gemeinschaft selbst kann für eine zeitgemäße Vermittlung des lebendigen Erbes sorgen.

Die rund 100 gelisteten Elemente im Nationalen Verzeichnis sind Zeugnis eines eindrucksvollen Reichtums kultureller Ausdrucksformen in Österreich, den es zu fördern und zu nützen gilt. (Bundesminister Alexander Schallenberg)

Das primäre Ziel des Nationalen Verzeichnisses ist eine partizipative und inklusive Bestandsaufnahme des immateriellen Kulturerbes, wobei die eingetragenen Elemente exemplarisch für die Kreativität und den Erfindergeist einer Gesellschaft stehen. Jede Gemeinschaft, Gruppe oder auch Einzelperson, kann bei der Österreichischen UNESCO-Kommission einen Antrag zur Aufnahme stellen. Nicht nur die Expert*innen des Fachbeirats, die über die Aufnahme in das Verzeichnis entscheiden, sondern auch die Traditionsträger*innen selbst staunen oft über den Reichtum und die Vielfalt an Praktiken, die unter dem Titel „Immaterielles Kulturerbe in Österreich“ gesammelt und präsentiert werden. Dieser Prozess der Sichtbarmachung führt auch zu einer erhöhten Wertschätzung:

Man trägt das Ganze mit mehr Stolz! (Franz Distl, Perchtoldsdorfer Hütereinzug)

Anlässlich des Jubiläumsjahres holt die Österreichische UNESCO-Kommission besonders erfolgreiche Projekte und Maßnahmen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes vor den Vorhang. Das Verzeichnis ergänzend, wurden u.a. die Korbflechterei-Werkstatt in der Justizanstalt Suben oder das Vermittlungsangebot der TEM-Akademie in Wien als „Good Practice"-Beispiele ausgezeichnet.

5 vor 12 für Handwerk und Erfahrungswissen
Gerade Handwerksberufe leiden zunehmend unter einem schlechten Image und der sinkenden Attraktivität für Auszubildende. Beispielsweise existieren nur noch wenige dörfliche Bäcker- und Fleischergeschäfte, auch gibt es im gesamten europäischen Raum keine Massenproduktion von Textil- und Lederwaren mehr und die Zahl der Apotheken, die die Bevölkerung mit selbst hergestellten Hausspezialitäten versorgen, ist in den letzten Jahren drastisch gesunken. Um die Aufmerksamkeit auf diese prekäre Lage zu lenken und das Bewusstsein für das Thema Handwerk zu fördern, wurde u.a. die Studie Traditionelles Handwerk als immaterielles Kulturerbe und Wirtschaftsfaktor beauftragt.

Wir reden immer von einer Wissensgesellschaft, die wir lustigerweise nur akademisch verstehen. (Handwerker*in, Traditionelles Handwerk als immaterielles Kulturerbe und Wirtschaftsfaktor in Österreich, S. 148) 

Die Auseinandersetzung mit der UNESCO-Konvention am Beispiel Österreich hat gezeigt, dass Technologiegläubigkeit sowie das Auslagern von Zuständigkeiten in den letzten Jahrzehnten zu einem rasanten Verlust von Eigenverantwortung, individueller Kompetenz, wie auch dem über Generationen entwickelten und erprobten Wissen und Können geführt hat. Das kann insbesondere im Hinblick auf Naturgefahren, die Klimaerwärmung, aber auch im Gesundheitsbereich dramatische Auswirkungen haben.

Das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich schafft also auch eine Möglichkeit, diese höchst aktuellen und brisanten Themen in den Fokus zu stellen und so auf die immense Bedeutung von überliefertem Wissen hinzuweisen.

Zwischen Tradition und Innovation
Im Umgang mit immateriellem Kulturerbe entstehen aber auch immer wieder Spannungsfelder. Denn die Anerkennung, die den Menschen durch die Aufnahme in das Verzeichnis zukommt, wird nicht immer von einer breiten Öffentlichkeit geteilt, zum Beispiel wenn Tiere in die Praktiken involviert sind oder wenn es um Erfahrungswissen geht, das zum Teil im Gegensatz zu wissenschaftlichen Erkenntnissen steht (etwa traditionelle Heilmethoden). Auch die Beteiligung von Minderheiten, Genderfragen oder die Kommerzialisierung von Traditionen werden immer wieder thematisiert. Diese sind oft Ausgangspunkt für einen Prozess, der auch innerhalb der Gemeinschaft der Traditionsträger*innen Bruchlinien aufzeigen kann und Diskussionen ermöglicht. So eröffnet die Anerkennung als immaterielles Kulturerbe Diskursräume, in denen die Gesellschaft friedlich und konstruktiv im Sinne einer ‚streitbaren Demokratie‘ debattieren und aushandeln kann, was in welcher Form öffentliche Wertschätzung erfahren soll.

Die Tradition wird weiter im Bewusstsein verankert und es wird dafür gesorgt, dass kein touristisches Event daraus wird, sondern eben das Fest für die Stadt und ihre Bewohner. (Wolfgang Degeneve und Maria Sams, Lichtbratlmontag)

10 Jahre immaterielles Kulturerbe in Österreich– eine Erfolgsgeschichte
Der partizipative und inklusive Ansatz bei der Erstellung des Verzeichnisses, der den Fokus auf die Menschen richtet, die das Kulturerbe nachhaltig pflegen, weitergeben und weiterentwickeln, hat Österreich zu internationaler Vorbildwirkung verholfen. Durch die Sichtbarmachung und Wertschätzung sehen sich viele Menschen in ihrem Tun bestärkt und blicken als Gemeinschaft hoffnungsvoll(er) in die Zukunft. Kulturelle Praktiken von Minderheiten, wie die Sprache der Burgenlandroma oder die Slowenischen Flur- und Hofnamen in Kärnten, werden durch das Verzeichnis oft erstmalig dokumentiert und von der breiten Öffentlichkeit neu bewertet.

Mehr jugendliche Roma sprechen und erlernen ihre Muttersprache [seit der Eintragung in das Verzeichnis] wieder. (Emmerich Gärtner-Horvath und Josef Schmidt, Roman – die Sprache der Burgenland-Roma)

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