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Ethik neuer Technologien

Gesellschaftliche Folgen antizipieren  
Foto: © Colourbox.de / Pressmaster

Ethik der Neurotechnologie
Technologie im Sinne des Gemeinwohls

Neurotechnologien setzen unmittelbar an der Schnittstelle zwischen Gehirn und modernen Technologien an. Sie verarbeiten Informationen aus dem Gehirn (weiter) oder wirken auf das Gehirn ein, in dem sie bestimmte Hirnregionen stimulieren. Diese Technologien sind keine neue Erfindung, die ersten Gehirn-Computer-Schnittstellen wurden bereits vor rund 50 Jahren entwickelt. In der Medizin ist ihr Nutzen unbestritten und weckt große Hoffnungen, insbesondere für Menschen mit neurologischen oder psychischen Erkrankungen. Neurotechnologien haben sich in den letzten Jahren rasant entwickelt, die Anwendungsbereiche sich stetig erweitert. Gleichzeitig besteht eine deutliche Diskrepanz zwischen der Geschwindigkeit, mit der sich technologischer Fortschritt vollzieht und jener, mit der Maßnahmen im Bereich der Regulierung getroffen werden. 

Mit der Empfehlung zur Ethik der Neurotechnologie möchte die UNESCO diese Lücke schließen. Angestoßen wurde ihre Entwicklung zum einen durch den zunehmenden Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Neurotechnologie, wodurch sich ganz neue Möglichkeiten bei der Entschlüsselung von Gehirndaten und der Behandlung von schweren neurologischen Erkrankungen wie etwa Parkinson eröffnen; zum anderen finden (nicht-medizinische) Neurotech-Geräte für Verbraucher*innen immer weitere Verbreitung – allein in den vergangenen zehn Jahren sind laut UNESCO Investitionen in der Höhe von mehr als 30 Milliarden Dollar in Neurotech-Unternehmungen geflossen. Zu den Produkten zählen etwa Brillen, die Augenbewegungen verfolgen können. Datenschutzrechtlich sind diese Anwendungen nicht immer unbedenklich. 

Diese Entwicklungen werfen grundlegende ethische Fragen auf, die einer breiten gesellschaftlichen Diskussion bedürfen: Wem gehören die Daten, die unser Gehirn produziert, und wie lässt sich mentale Privatsphäre schützen, wenn neuronale Aktivität ausgelesen werden kann? Wie bleiben Identität, Willensfreiheit und Selbstbestimmung gewahrt, wenn Technologien Hirnaktivität nicht nur messen, sondern auch beeinflussen können? Diese Fragen verschärfen sich dort, wo Neurotechnologie mit Künstlicher Intelligenz zusammenwirkt – etwa wenn neuronale Daten für kommerzielle Zwecke wie „Neuromarketing" genutzt werden könnten – und dort, wo ungleicher Zugang zu leistungsfähigen Anwendungen bestehende soziale Ungleichheiten vertiefen könnte, etwa im Bildungsbereich. 

Die UNESCO Empfehlung zur Ethik der Neurotechnologie, im November 2025 von den Mitgliedstaaten angenommen, reagiert darauf, indem sie menschliche Würde und mentale Integrität, Gedankenfreiheit, den Schutz von Gehirndaten und den Abbau von Ungleichheiten beim Zugang in den Mittelpunkt stellt und die Mitgliedstaaten auffordert, diese Grundsätze in nationale Strategien und Regulierung zu überführen. Sie baut damit auf die 2021 verabschiedete Empfehlung zur Ethik der Künstlichen Intelligenz auf, die eine zentrale Orientierungshilfe bei der Ausgestaltung von KI-Governance-Systemen auf nationaler Ebene darstellt. 


Die Neurotechnologie hat das Potenzial, einen neuen Horizont des menschlichen Fortschritts zu eröffnen – doch sie ist nicht ohne Risiken. Mit der Verabschiedung dieses neuen normativen Instruments zieht die UNESCO klare Grenzen und verankert die Unantastbarkeit des menschlichen Geistes. Dieser Text verkörpert eine tiefe Überzeugung: dass technischer Fortschritt nur dann von Wert ist, wenn er sich von Ethik, Würde und Verantwortung gegenüber künftigen Generationen leiten lässt.

Audrey Azouley, ehemalige Generaldirektorin der UNESCO