Springe zum Hauptinhalt

Der Mensch und die Biosphäre

Beziehung zwischen Mensch und Umwelt nachhaltig gestalten  
Foto: © colourbox

Jugendbeteiligung ist kein Selbstzweck
Ein Gespräch mit Jakob Mohl, Österreichs Man and the Biosphere (MAB) Youth Focal Point

Das Interview erschien in einer leicht gekürzten Form im Jahrbuch der ÖUK 2023/24, S. 26f.

ÖUK: Lieber Jakob, du engagierst dich schon seit vielen Jahren für das MAB-Programm. Du hast enge Verbindungen zum Biosphärenpark Wienerwald, bist langjähriges Mitglied des EuroMAB-Jugendnetzwerkes und hast diverse MAB Jugendtreffen besucht und mitgestaltet und -organisiert. Seit Juli 2025 bist du Österreichs MAB Youth Focal Point. In dieser Funktion warst du u.a. Teil der österreichischen Delegation für den Weltkongress der Biosphärenparks in Hangzhou, China und hast dich auch im Vorfeld aktiv an der österreichischen Position zur neuen Strategie für das MAB-Programm beteiligt, die im Rahmen des Kongresses verabschiedet wurde. Was fasziniert dich so an dem Thema und was bedeutet das MAB-Programm für dich?

Jakob Mohl: Das MAB-Programm existiert zwar schon seit den Anfängen der Umweltbewegung in den späten 60er und frühen 70er-Jahren, hat aber bis heute nicht an Aktualität verloren – im Gegenteil. Das liegt meiner Meinung nach an drei Faktoren, die in einer zunehmend vernetzten und globalisierten Welt an Bedeutung gewinnen und das MAB-Programm als Zukunftskonzept signifikant machen: Zum einen ist das der integrierte Ansatz, Naturschutz nicht mit der Glassturz-Mentalität zu betrachten und eine unberührte Natur zu idealisieren, sondern als Querschnittsmaterie, die mit nachhaltiger Bewirtschaftung, Forschung, Kultur, Bildung und traditionellem Wissen in den Regionen zusammenhängt. In Biosphärenparken werden nachhaltige Lösungen für ein harmonisches Zusammenleben von Mensch und Natur erprobt und gelebt. Zum anderen ist das die enge Anbindung an die Wissenschaft und andere UNESCO-Programme wie die Global Geoparks und das Internationale Hydrologische Programm. Zuletzt ist es das globale Netzwerk der Biosphärenparke mit seinen regionalen und thematischen Untergruppen, das alles zusammenschweißt und einen Rahmen für wissenschaftlichen und praxisbezogenen Austausch schafft. Die Gegenwart wird von multiplen Krisen geplagt und die Zukunft scheint vielen jungen Menschen unsicher; Biosphärenparke faszinieren mich, weil sie Orte sind, an denen eine positive Zukunft in der Gegenwart geschaffen wird.

Die UNESCO definiert „Jugend“ als eine „Priority Group“ der Organisation. Im MAB-Programm gibt es mit „MAB-Youth“ eine eigene Jugendschiene. Was kann die Jugend zu dem Programm beitragen bzw. wie können Jugendliche das Programm verbessern? Was bietet MAB der Jugend? Welche Erfolge gab es schon und wo gibt es noch Potential nach oben?

Die UNESCO hat früh den Wert der Jugendbeteiligung erkannt und dieses Bekenntnis zu intergenerationeller Gerechtigkeit spiegelt sich im MAB-Programm wider. Hier wurden seit dem ersten globalen MAB Youth Forum 2017 große Fortschritte gemacht. Jugendnetzwerke haben sich in allen regionalen MAB-Netzwerken etabliert, es fanden Jugendkonferenzen im Vorfeld von regionalen Konferenzen statt, nationale MAB Youth Focal Points wurden erstmals anerkannt und mit Kelly Cerialo ist eine hochrangige UNESCO-Funktionärin im MAB-Sekretariat mit Jugendagenden betreut. Der größte Erfolg bisher ist sicherlich, dass mit Anna Kovbasniuk und Yan Axel Ortega zwei junge Menschen am Entwurfsprozess des Hangzhou Strategic Action Plan[1] beteiligt waren. Die Jugend wird zunehmend institutionell eingebunden und das stellt auch einen Lernprozess dar. Man lernt mit der Zeit das Gefüge an verschiedenen Interessen und Zielen aller beteiligten Akteure kennen und arrangiert sich mit den Strukturen. Ich sehe die Rolle der Jugend darin, sich ihren Platz in diesem Gefüge zu schaffen, laut zu sein und Veränderungen anzustoßen. Wir als Jugend müssen uns trauen, innerhalb der MAB-Community mutige Diskussion zu starten und uns grundlegende Fragen zum MAB-Programm zu stellen: Welchen Wert sollte eine Designation als Biosphärenpark haben? Ist sie als Zukunftskonzept zu würdigen oder als ein nettes Prädikat zu behandeln, in dessen Rahmen überproportional Entwicklungszonen ausgewiesen werden können? Wie können wir Sanktionsmechanismen schaffen, wenn Kernzonen bedroht werden? Warum spielen Biosphärenparke keine zentrale Rolle in nationalen Strategien und internationalen Abkommen zum Schutz der Biodiversität?

Du warst beim Weltkongress der Biosphärenparke (WCBR) im September 2025 in Hangzhou, China dabei. Die WCBR finden rund alle 10 Jahre statt und bringen BR-Manager*innen, Vertreter*innen von MAB-Nationalkomitees und weitere Mitglieder der MAB-Community zusammen, um sich über die zukünftige Ausrichtung des Programms auszutauschen. Welchen Eindruck hattest du von der Konferenz?

Der Weltkongress war eine persönlich sehr prägende und einzigartige Erfahrung, da mir in Hangzhou die Möglichkeiten des MAB-Programms, aber auch die Grenzen der globalen MAB-Governance vor Augen geführt wurden. Das globale Netzwerk der Biosphärenparke umfasst 784 Designationen in 142 Staaten, daher ist eine gewisse Flughöhe der Diskussionen nachvollziehbar. Die Workshops, Austauschmöglichkeiten und Plenardiskussionen legten jedoch meiner Ansicht nach einen zu starken Fokus auf die Policy-Arbeit rund um Biosphärenparke. Mir fehlte die Hervorhebung von Best-Practice-Beispielen und die Präsentation von Herausforderungen und Lösungen vor Ort in den Biosphärenparken. Das Ergebnis der Konferenz, den Hangzhou Strategic Action Plan, habe ich dagegen als sehr positiv wahrgenommen, da er Leitlinien mit konkreten Zielen und Fristen kombiniert. Ein persönliches Highlight war der Austausch mit den MAB Youth Focal Points aus Ländern aus aller Welt sowie die Möglichkeit, ein Statement vor dem International Coordination Council[2] zu verlesen, in dem ich bestärkte, dass Jugendbeteiligung kein Selbstzweck ist: Wir junge Menschen wollen nicht auf Konferenzen fahren und an Gremien teilzunehmen, nur um dort darüber zu sprechen, wie wichtig unsere Teilnahme ist. Wir wollen inhaltlich mitbestimmen und ambitionierte Ziele für das Programm formulieren. Ich sehe es daher als unsere Aufgabe an, frischen Wind in die MAB-Community zu bringen.

Im Anschluss der Konferenz wurde auch der neue MAB Strategic Action Plan verabschiedet, der das Programm bzw. die Arbeit der Biosphärenpark-Manager für die nächsten 10 Jahre leiten soll. Welche Rolle spielt die Jugend in diesem Leitfaden? Was sind aus deiner Sicht die zentralen Punkte?

Die Unterstützung und Institutionalisierung des Jugendnetzwerks werden mit Action Target 20 erstmals in einer MAB-Strategie als strategisches Ziel erwähnt – ein Erfolg jahrelanger Bemühungen und des Verständnisses des MAB-Sekretariats für die Sache. Dazu gehört unter anderem die Aufstellung einer Finanzierungsstrategie für das Netzwerk und das Bekenntnis zur Jugendbeteiligung in allen Gremien und auf allen Ebenen des MAB-Programms. Action Target 29 sieht dazu die Etablierung eines Rahmenwerks für intergenerationelle Gerechtigkeit und Geschlechtergerechtigkeit vor.

Als zentral für die Strategie sehe ich auch die Ziele, degradierte Flächen in Kernzonen sowie degradierte Flächenanteile in Puffer- und Entwicklungszonen bis 2035 zu renaturieren und den Beitrag von Biosphärenparken in nationalen Strategien zur Umsetzung der SDGs und des Kunming-Montreal Global Biodiversity Frameworks hervorzuheben.

Welche Pläne hast du als Youth Focal Point für die nächsten Jahre?

Ich habe das große Privileg, neben meiner Funktion als MAB Youth Focal Point auch Youth Representative der Österreichischen UNESCO-Kommission sein zu können und mich der Vermittlung von SDG 4.7[3] zu widmen. Diese Möglichkeit steht für die gute fachbereichs- und sektorübergreifende Arbeit des Jugendprogramms innerhalb der UNESCO-Kommission und demonstriert den integrierten Charakter des MAB-Programms. In meiner bisherigen Zeit als MAB Youth Focal Point habe ich versucht, junge Menschen für das MAB-Programm zu gewinnen, mich mit Biosphärenpark-Manager*innen ausgetauscht und hatte die Möglichkeit, Jugendinteressen in internationalen Konferenzen einzubringen. Diese Aktivitäten möchte ich in der kommenden Zeit vertiefen, den Fokus aber vor allem auf die Bedeutung von Biosphärenparken als zentrale Orte der SDG-Lokalisierung legen. So sind Biosphärenparke nicht nur in der öffentlichen Diskussion um Umwelt- sowie Klimaschutzagenden nicht ausreichend verankert, auch in nationalen Strategien rund um Naturschutz und die SDGs sowie in Förderprogrammen tauchen sie bloß als Fußnote auf. Ich möchte dieses Amt so gut wie möglich nutzen, um den ganzheitlichen Ansatz von Biosphärenparken bei der Lösung vielfältiger Probleme hervorzuheben und sektorübergreifende Synergien mit anderen UNESCO-Programmen aufzuzeigen.

Wenn sich ein junger Mensch auch für das MAB-Programm interessiert – wie kann er*sie sich engagieren?

Die beste Anlaufstelle sind unsere heimischen Biosphärenparke mit ihren zahlreichen Veranstaltungen und Möglichkeiten für ehrenamtliches Engagement. Ob im Rahmen von Landschaftspflegeeinsätzen, dem freiwilligen Umweltjahr, Citizen-Science-Projekten oder Informationsveranstaltungen und Festen – die MAB-Community in Österreich ist sehr offen und zuvorkommend für neue Ideen und junge Gesichter.


[1] UNESCO's Roadmap (2026-2035) für ihr Programm „Der Mensch und die Biosphäre“ (MAB), verabschiedet auf dem 5. Weltkongress in Hangzhou, China

[2] Der Internationale Koordinierungsrat (International Coordination Council – MAB-ICC) ist das leitende Entscheidungsgremium des MAB-Programms. 2025 fand die Sitzung im Anschluss des Weltkongresses in Hangzhou, China statt.

[3] Ziel 4.7. der  Globalen Nachhaltigkeitsagenda (Sustainable Development Goals, SDGs) lautet: Bis 2030 sicherstellen, dass alle Lernenden die für nachhaltige Entwicklung notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, u.a. durch Bildung für nachhaltige Entwicklung, für nachhaltige Lebensweise, für Menschenrechte, für Gleichberechtigung der Geschlechter, durch Förderung einer Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit, durch Global Citizenship Education und Wertschätzung kultureller Vielfalt und durch den Beitrag der Kultur zu nachhaltiger Entwicklung.