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Der Mensch und die Biosphäre

Beziehung zwischen Mensch und Umwelt nachhaltig gestalten  
Foto: © Modell Foto: Colourbox.de

Weltweit erster 5-Länder-Biosphärenpark in der Zielgeraden

Das Motto des Welttags der biologischen Vielfalt „Unsere Lösungen liegen in der Natur“ betont die Bedeutung der Zusammenarbeit auf allen Ebenen, um eine Zukunft des menschlichen Lebens im Einklang mit der Natur aufzubauen. UNESCO-Biosphärenreservate zeigen beispielhaft Schutz und Nutzung unserer Umwelt.

Die biologische Vielfalt in Ökosystemen auf der ganzen Welt droht sich weiter erheblich zu verringern. Weltweit sterben täglich rund 150 Arten aus, zudem hat sich in den letzten Jahrzehnten der Verlust an biologischer Vielfalt besorgniserregend beschleunigt. 

Biodiversität stabilisiert Ökosysteme und trägt zu ihrer Widerstandsfähigkeit bei. Ein gesundes und diverses Ökosystem ist dazu fähig, sich selbst zu regenerieren. Diese Stabilität ist besonders im Zusammenhang mit Klimawandel von immer größerer Bedeutung.

Für eine nachhaltige Entwicklung müssen ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte gleichrangig berücksichtigt werden.

Beispielhafte UNESCO-Biosphärenreservate

Kern des UNESCO-Programms ‚Mensch und die Biosphäre' (MAB) ist das globale Netzwerk der UNESCO-Biosphärenparks: Modellregionen, die es sich zur Aufgabe machen, Naturschutz, Erhaltung der biologischen Diversität und Regionalentwicklung in Einklang zu bringen. Weltweit gibt es 701 Gebiete in 124 Ländern. In Österreich sind das Große Walsertal, der Wienerwald, das Salzburger Lungau & die Kärntner Nockberge und seit 2019 auch das Untere Murtal anerkannte Biosphärenparks.

Antrag für ersten Fünf-Länder-Biosphärenpark bei UNESCO eingereicht

Die Ernennung des Biosphärenparks Unteres Murtal im Jahr 2019 war auch Grundlage für die 5-Länder-Einreichung „Biosphärenpark Mur-Drau-Donau“ von Österreich mit Slowenien, Kroatien, Ungarn und Serbien. Im Mai 2020 hat das Österreichische Nationalkomitee des MAB – Programms im Namen der fünf beteiligten Länder den Antrag zur Aufnahme des "Mur-Drau-Donau"-Korridors in das Weltnetzwerk der Biosphärenparks bei der UNESCO in Paris eingereicht. Das Gebiet wäre damit der weltweit erste Fünf-Länder-Biosphärenpark.

"Der von der Donau und ihren Nebenflüssen Mur und Drau gebildete Korridor ist die wertvollste zusammenhängenden Flusslandschaft Mitteleuropas - er wird deshalb als der 'Amazonas Europas' bezeichnet", erklärte Günter Köck von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), die mit der Durchführung des MAB-Programms in Österreich beauftragt ist. „Mit der Einreichung wurde nicht nur der Grundstein für den Schutz eines einzigartigen Flussökosystems und seiner hohen Artenvielfalt, sondern auch für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung der Region gelegt. Dieser bahnbrechende 5-Länder-Biosphärenpark, der auch für die UNESCO einen neuen Meilenstein darstellt, vereint als Modellregion Naturschutz und nachhaltige Entwicklung in vorbildlicher Weise.

Arno Mohl von WWF Österreich und Internationaler Programmleiter Mur-Drau-Donau beschreibt in seinem Kommentar die Vorbereitungen und Bedeutung dieser global einzigartigen Umweltinitiative:


Biosphärenpark Unteres Murtal im Amazonas Europas

Kommentar von Arno Mohl

Was lange währt, wird endlich gut! Nach jahrelangen Vorbereitungen wurde das Untere Murtal am 19. Juni 2019 vom UNESCO International Coordination Council als vierter österreichischer Biosphärenpark in Paris anerkannt. Für den neuen Biosphärenpark haben sich die betroffenen Gemeinden Bad Radkersburg, Halbenrain, Mureck und Murfeld sowie die Region Südoststeiermark stark gemacht. Maßgeblich unterstützt wurde die Ernennung neben dem WWF Österreich, durch das MAB-Nationalkomitee an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, das Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus und das Land Steiermark.

Unteres Murtal – das Tor zum Amazonas Europas 

Das Alleinstellungsmerkmal des Unteren Murtals unter den österreichischen Biosphärenparks ist dessen Rolle als zentraler Teil einer global einzigartigen, grenzübergreifenden Umweltinitiative – der Etablierung des weltweit ersten 5-Länder Biosphärenparks Mur-Drau-Donau. Das Untere Murtal bildet den Beginn eines  einmaligen Flusssystems, auch als Amazonas Europas bekannt, das an der steirischen Mur beginnt und sich über die Drau bis zur Donau erstreckt. Von Österreich über Slowenien, Ungarn und Kroatien bis nach Serbien.

Mit der Eingliederung der steirischen Mur-Auen wurde einer der letzten Puzzlesteine für den Aufbau des fünf Staaten umspannenden Biosphärenparks gelegt.  Denn nach der UNESCO-Anerkennung der Flussgebiete von Ungarn und Kroatien im Jahr 2012, Serbien im Jahr 2017 und Slowenien im Jahr 2018, fehlte nur noch Österreichs Teilnahme am künftigen Schutzgebiet. Im letzten Schritt sollen nun die einzelnen Biosphärenparks unter einem gemeinsamen Dach vereint werden. Ein entsprechender Antrag wurde in Zusammenarbeit aller fünf Länder mit dem Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus, dem MAB-Nationalkomitee an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und dem WWF ausgearbeitet. Inhaltlich koordiniert wurde der Antrag durch das Klagenfurter Institut für Ökologie (E.C.O.).

Größte Flussschutzinitiative Europas

Auf einer Länge von 700 km und einer Fläche von 930.000 ha steht damit der Etablierung von Europas größtem zusammenhängenden Flussschutzgebiets nichts mehr im Wege. Es entspricht etwa viermal der Größe aller österreichischen Nationalparks.

Seit den 1990er Jahren ist der WWF Österreich federführend, in Kooperation mit vielen Naturschutzpartnern in allen fünf Ländern, für den internationalen Schutz der wertvollen Fluss- und Auenlandschaft aktiv. Diese braucht den Vergleich mit dem Amazonas nicht zu scheuen. Das Gebiet beherbergt mit über 140 Brutpaaren die höchste Seeadlerdichte Europas und ist Rastplatz für mehr als eine Viertelmillion Wasservögel.  Die Kern- und Pufferzone des Parks bilden dreizehn große Einzelschutzgebiete unterschiedlicher Größe und Kategorie entlang der Flüsse. Darunter sind der kroatische Naturpark „Kopački Rit“ am Zusammenfluss von Donau und Drau, der Regionalpark „Drau-Mur“ in Kroatien, das Naturreservat „Gornje Podunavlje“ in Serbien, der Nationalpark „Donau-Drau“ in Ungarn sowie zahlreiche Natura 2000-Gebiete in Österreich, Slowenien und Ungarn.

Sowohl die Identität der Region als auch die Lebensqualität der Menschen hängen stark von den Lebensadern Mur, Drau und Donau ab. Intakte Auen schützen Siedlungen vor Hochwasser und garantieren die Versorgung mit sauberem Trinkwasser. Die reizvolle Landschaft bildet einen faszinierenden Erlebnis- und Erholungsraum und birgt großes Potential im nachhaltigen Tourismus. In Zeiten der Klimakrise und des Artensterbens ist der Schutz der letzten Naturgebiete eine Überlebensfrage geworden. Der 5-Länder Biosphärenpark beschreitet neue Wege, die statt Naturausbeutung eine nachhaltige Form des Miteinanders von Mensch und Natur ermöglichen. 

Auf der slowenischen Seite hat der Biosphärenpark Mur seine erste Bewährungsprobe bereits bestanden. 2019 erteilte die slowenische Regierung den geplanten Wasserkraftwerken an der Mur, nahe der österreichischen Grenze, eine Absage. Der Bau der Kraftwerke hätte die einzigartige Flusslandschaft unwiederbringlich zerstört und somit die UNESCO-Ziele eines Biosphärenparks konterkariert. 

Bis 1989 war die Flusslandschaft noch durch den Eisernen Vorhang getrennt. Die Etablierung eines grenzüberschreitenden Biosphärenparks, 30 Jahre nach der Ostöffnung, ist ein Paradebeispiel dafür, wie Naturschutz Grenzen überwinden und Brücken schlagen kann.

„In der gemeinsamen Planung und Entwicklung von nachhaltigem Tourismus liegen große Chancen für die Mur-Drau-Donau-Region.“

Mit dem 5-Länder Biosphärenpark Mur-Drau-Donau schreiben die beteiligten Staaten Naturschutzgeschichte und fördern gegenseitiges Verständnis, Zusammenarbeit und Frieden. Im künftigen Biosphärenpark werden bereits konkrete Schutz- und Flussrevitalisierungsprojekte umgesetzt. So arbeiten die Schutzgebietsverwaltungen der Mur-Drau- Donau-Region seit 2017 in der Initiative coop MDD an gemeinsamen Zielsetzungen und grenzüberschreitenden Schutzmaßnahmen. Ein Folgeprojekt ist gerade in Planung.

Modellregion für Naturschutz und nachhaltigen Tourismus 

Mit dem internationalen Biosphärenpark soll eine große europäische Modellregion entstehen, in der Naturschutz und nachhaltige Regionalentwicklung Hand in Hand gehen und die lokale Bevölkerung miteinbezieht. Ein Biosphärenpark, der von fünf Ländern gemeinsam verwaltet wird und als gemeinsames Aushängeschild wirkt, wäre weltweit einzigartig. In der gemeinsamen Planung und Entwicklung von nachhaltigem Tourismus liegen große Chancen für die Mur-Drau-Donau-Region.

Als öko-touristisches Leitprojekt haben der WWF und EuroNatur, gemeinsam mit internationalen Trail- und Tourismusexperten von Trail Angels, Revital und lokalen Partnern, den Amazon of Europe Bike Trail entwickelt. Diese Dachmarke soll bestehende Radinitiativen in der Region bündeln, lokale Wertschöpfung generieren und helfen, die Akzeptanz des Biosphärenparks in der lokalen Bevölkerung zu steigern. Darüber hinaus soll ein Teil der Einnahmen dem Schutz des Gebietes zugutekommen. Die Radroute beginnt an der Mur im österreichischen Teil des Biosphärenparks, verläuft entlang der Drau und führt schließlich zu den atemberaubenden Donau-Auen im Dreiländereck Kroatien, Ungarn und Serbien. Je nach ausgewählter Route ist der Trail zwischen 670 und 970 Kilometer lang. Spätestens 2021 soll es Sport- und Naturinteressierten möglich sein, Radtouren inklusive Gepäcktransport und Exkursionen zu den Natur- und Kulturschätzen der Region zu buchen.

Die Zeichen stehen gut, dass die Mur-Drau-Donau-Region als nachhaltiges Modellgebiet einen Beitrag zur Lösung der Herausforderungen unserer Zeit leistet – von der Eindämmung des Artensterbens bis hin zum Erhalt intakter Ökosysteme als natürlicher Klimapuffer.

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DI Arno Mohl, Jahrgang 1970; von 1989 bis 1998 Studium der Landschaftsplanung und Landschaftspflege an der Universität für Bodenkultur Wien; Diplomarbeit an der Drau in Kroatien und Ungarn; seit 2000 beim WWF Österreich für den Fließgewässer- und Auenschutz zuständig. Schwerpunkte: Konfliktfeld Wasserkraftnutzung und Fließgewässerschutz, Flussrevitalisierung sowie Aufbau von Flussschutzgebieten; Internationaler Programmleiter Mur-Drau-Donau.

Links

Kopacki Rit – Kernzone des Biosphärenparks Mur-Drau-Donau in Kroatien

"Dieser bahnbrechende 5-Länder-Biosphärenpark 'Mur-Drau-Donau', der auch für die UNESCO einen neuen Meilenstein darstellt, vereint als Modellregion Naturschutz und nachhaltige Entwicklung in vorbildlicher Weise.“

Mag. Dr. Günter Köck, Geschäftsführer des Österreichischen MAB-Nationalkomitees und Delegierter für das International Coordinating Council of UNESCO´s Man and the Biosphere Programme (MAB-ICC)