Weltkonferenz der Internationalen Dekade der Wissenschaften für Nachhaltige Entwicklung
Von 15. bis 17. Juli 2026 kamen mehr als 800 Teilnehmer*innen aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zur Weltkonferenz der Internationalen Dekade der Wissenschaften für Nachhaltige Entwicklung (2024–2033) in Paris zusammen. Zwei Jahre nach dem Start der von den Vereinten Nationen ausgerufenen und von der UNESCO geleiteten Dekade zogen sie eine Zwischenbilanz und stellten die Weichen für die kommende Umsetzungsphase. Auch die Österreichische UNESCO-Kommission nahm an der Konferenz teil.
Eröffnet wurde die Weltkonferenz von UNESCO-Generaldirektor Khaled El-Enany, UN-Generalsekretär António Guterres (per Videobotschaft), der Vizepräsidentin Guatemalas, Karin Herrera, und dem Vorsitzenden des UNESCO-Exekutivrats, Nasser Bin Hamad Al Hinzab. In allen Eröffnungsreden wurde betont: Wissenschaftliches Wissen muss in wirksames Handeln übersetzt werden, um allen Menschen und unserem Planeten zugutezukommen.
In seiner Keynote erinnerte auch Mark Thomson, Generaldirektor des CERN, an die Rolle der Wissenschaft und Wissenschaftsdiplomatie als Brückenbauerin zwischen Nationen – ein Gedanke, den er am Beispiel des CERN als einem der bedeutendsten internationalen Forschungszentren der physikalischen Grundlagenforschung veranschaulichte. Der ehemalige isländische Präsident Ólafur Ragnar Grímsson stellte zudem die im März 2026 in London erstmals präsentierten „Rules of Science Engagement” vor. Dabei handelt es sich um den Entwurf von Leitlinien, die wissenschaftliche Zusammenarbeit über nationale Grenzen und geopolitische Konflikte hinweg absichern sollen.
Wissenschaft als globales öffentliches Gut und Treiber nachhaltiger Entwicklung
Die Internationale Dekade der Wissenschaften für nachhaltige Entwicklung, kurz „IDSSD“, mobilisiert die globale Gemeinschaft, um den Fortschritt bei der Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) zu beschleunigen. Ausgerufen wurde sie 2023 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Seitdem bietet die Dekade einen globalen Rahmen, um wissenschaftliches Wissen, Zusammenarbeit und Innovationssysteme besser auf die Bedürfnisse von Mensch und Natur abzustimmen.
Mit der IDSSD hat sich die Weltgemeinschaft vorgenommen, die Rolle der Wissenschaft als vertrauenswürdiges und inklusives öffentliches Gut zu stärken, das nachhaltige Entwicklung in einer zunehmend komplexen und vernetzten Welt unterstützen kann. Zu den Zielen der Dekade zählen insbesondere:
- die Stärkung wissenschaftlicher Kapazitäten,
- die Förderung von Open Science,
- die Verbesserung des Zusammenspiels von Wissenschaft und Politik,
- sowie die Förderung eines inklusiveren und gerechteren Zugangs zu Wissen.
Durch Fortschritte in diesen Bereichen sollen die strukturellen Hindernisse bewältigt werden, die den Beitrag der Wissenschaft zur nachhaltigen Entwicklung derzeit begrenzen. Als federführende Organisation der Dekade hat die UNESCO Partner*innen innerhalb des UN-Systems mobilisiert und die Naturwissenschaften, die Sozial- und Geisteswissenschaften sowie vielfältige gesellschaftliche Akteur*innen zusammengebracht.
Die Dekade schafft somit eine Plattform, um interdisziplinäre Zusammenarbeit zu fördern und wissenschaftliches Wissen direkter mit Politik und Umsetzung zu verknüpfen. Zahlreiche Initiativen sind bereits Teil der Dekade geworden: Bis dato unterstützen rund 400 Initiativen in 79 Staaten wissenschaftliche Zusammenarbeit zur Umsetzung aller 17 SDGs. Die UNESCO ruft regelmäßig – und mit thematischen Schwerpunkten – zur Einreichung von Programmen, Projekten oder anderen Maßnahmen auf.
Zwischenbericht zur Dekade bewertet Fortschritte und Schwachstellen
Im Rahmen der Konferenz präsentierte die UNESCO den Bericht „Science at a turning point: International Decade of Sciences for Sustainable Development“, den ersten globalen Fortschrittsbericht der Dekade:
- Der Bericht stellt eine „Wissenschaftskluft“ fest, die nach wie vor jene an der Spitze der Innovation von jenen trennt, die Gefahr laufen, zurückzubleiben. Ungleichheiten in Bezug auf Infrastruktur, Kompetenzen und Zugang zu wissenschaftlichen Möglichkeiten begrenzen Teilhabe und Wirkung. Subsahara-Afrika beispielsweise stellt 17,5 Prozent der Weltbevölkerung, verfügt aber über weniger als 1 Prozent der Forscher*innen weltweit. Dies zeigt sich auch bei den Initiativen im Rahmen der Dekade, unter denen solche aus afrikanischen Staaten deutlich unterrepräsentiert sind.
- Die Initiativen der Dekade addressieren alle 17 SDGs; jene Ziele, die weltweit am stärksten hinter ihren Zielvorgaben zurückliegen, sind jedoch auch unter den Initiativen am schwächsten vertreten, so etwa SDG 1 (keine Armut) und SDG 14 (Leben unter Wasser).
- Zudem zeigte sich, dass Koordination die zentrale Umsetzungshürde darstellt: 40 Prozent der befragten Initiativen nannten Koordination als größte Herausforderung; nur 10 Prozent nannten Finanzierung.
Aufbauend auf diesen Befunden wird die Dekade in den nächsten Jahren darauf hinwirken, Koordinations- und Monitoringmechanismen zu stärken und insbesondere Initiativen in afrikanischen Staaten zu fördern sowie solche, die unterrepräsentierte SDGs addressieren. Mit Blick auf den Status Quo der globalen Wissenschaftslandschaft empfiehlt der Bericht fünf Reformprioritäten:
- Reform der Forschungsbewertung, um die Wirkung von Forschung auf die SDGs neben rein bibliometrischer Leistung zu honorieren – aufbauend auf DORA (der internationalen Erklärung zur Forschungsbewertung), dem Leidener Manifest (einem Leitfaden mit zehn Grundsätzen für den sinnvollen und fairen Umgang mit Forschungsmetriken) und CoARA (der europäischen Koalition zur Reform der Forschungsbewertung).
- Ausbau des gleichberechtigten Zugangs zu Infrastruktur durch verteilte Einrichtungen, föderierte Datensysteme und Fernzugriffsplattformen in Entwicklungsländern.
- Institutionalisierung wissenschaftspolitischer Beratungsmechanismen auf nationaler und internationaler Ebene – aufbauend auf dem Weltklimarat (IPCC), dem Weltbiodiversitätsrat (IPBES) und dem Netzwerk nationaler Focal Points der Dekade der Wissenschaften für Nachhaltige Entwicklung.
- Schutz der Wissenschaftsfreiheit als Grundlage einer vertrauenswürdigen, evidenzbasierten Governance
- Orientierung der Steuerung neuer Technologien an ethischen Rahmenwerken, so etwa der UNESCO-Empfehlung zur Ethik der Künstlichen Intelligenz, der UNESCO-Empfehlung zur Ethik der Neurotechnologie und der Global Quantum Initiative.
Die erste Phase der Dekade zeigt, dass Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung in größerem Ausmaß global mobilisiert werden konnte. Die Herausforderung liegt nun in der Übersetzung wissenschaftlichen Engagements in Governance-Reformen, institutionelle Kapazitäten, wirksame Umsetzung und messbare Entwicklungsergebnisse.
Downloads
- Broschuere_IDSSD__2024-2033__EN.pdf 22 MB (pdf)