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Österreichische UNESCO-Kommission

 

Rückblick: Das immaterielle Erbe unserer vielheimischen Gesellschaft

Im Vorfeld der Jahrestagung des Österreichischen Netzwerks für Migrationsgeschichte lud das vorarlberg museum gemeinsam mit der Österreichischen UNESCO-Kommission am 12. Juni 2025 zu einem intensiven Austausch über das immaterielle Kulturerbe in einer vielheimischen Gesellschaft. Der Abend bot internationale Impulse, partizipative Diskussionen und konkrete Handlungsperspektiven

Fachliche Impulse aus den Niederlanden und der Türkei

Dr. Mark Schep vom Niederländischen Zentrum für Immaterielles Kulturerbe (KIEN) zeigte eindrucksvoll, wie kollaborative Forschung mit Menschen aus migrantischen Communities in den Niederlanden Brücken schlägt – mit partizipativen Ausstellungen, Storytelling-Projekten und einem digitalen Inventar, das kulturelle Praktiken sichtbar macht. Dabei betonte er, wie wichtig es ist, Relevanz dort zu suchen, wo sie für die Communities tatsächlich verankert ist – und gemeinsam mit ihnen neue Räume im Kulturbereich zu schaffen.

Dr. Ceren Güneröz von der Universität Ankara spannte den Bogen von internationalen Beispielen zu zahlreichen Museen in der Türkei, die mit lokalen Bevölkerungsgruppen und Migrant:innen das gelebte Erbe dokumentieren – etwa durch ethnografische Museen, Schulprojekte oder ganze „lebendige Dörfer“. Ihre zentrale These: Museen der Zukunft sollten nicht länger Speisesäle sein, in denen vorgefertigte Inhalte serviert werden – sondern Küchen, in denen gemeinsam mit den Communities kulturelles Wissen, Geschichten und Identitäten „gekocht“ werden. Nur so könne echte Teilhabe und nachhaltige Sichtbarkeit gelingen.

Interaktives World Café

Im Anschluss tauschten sich die Teilnehmenden im World Café an vier Thementischen aus:

  • Forschung und Erbe: Es wurde kritisch reflektiert, wie der UNESCO-Begriff des immateriellen Erbes mit wissenschaftlicher Praxis vereinbar ist. Forschung könne helfen, etablierte Narrative zu dekonstruieren und neue, vielstimmige Geschichten sichtbar zu machen.
  • Netzwerke und Austausch: Am Beispiel des türkischen Volkstanzes wurde über Austausch zwischen Gruppen, Archiv-Kooperationen und ein mögliches interkulturelles Festival in Dornbirn diskutiert.
  • Partizipation in Museen: Es braucht gezielte Kooperation mit Gatekeepern und Communities, um neue Gruppen – etwa Eltern, Jugendliche, Migrant:innen – langfristig einzubinden. Vertrauen, Gegenseitigkeit und kleine, nachhaltige Schritte sind entscheidend.
  • Museen und Machtverhältnisse: Thematisiert wurden Fragen nach institutioneller Gewalt, Repräsentation und der Gefahr, migrantisches Wissen für museale Zwecke zu instrumentalisieren. Museen müssten Machtpositionen kritisch hinterfragen und Teilhabe ernsthaft ermöglichen.

Diese Diskussionen wurden durch vertiefende Fragen ergänzt:

  • Wie kann immaterielles Kulturerbe in seiner Vielfalt sichtbar werden – jenseits nationaler Stereotype?
  • Welche Verantwortung tragen Museen als Orte kultureller Deutung?
  • Wie lassen sich Kooperationen zwischen Archiven, Vereinen und Communities aufbauen?
  • Welche Wege braucht es, um neue Gruppen nachhaltig einzubinden?

Fazit & Ausblick

Die grafische Dokumentation von Dennis De Jong begleitete den Abend visuell – zentrale Begriffe wie Vertrauen, Vielfalt, Ko-Kreation, Dekolonisierung, Empowerment und Plattform statt Vitrine standen im Raum. Die Veranstaltung machte deutlich: Immaterielles Kulturerbe ist nicht statisch. Es lebt durch die Menschen, die es praktizieren – unabhängig von ihrer Herkunft. Museen, Forschung und Kulturpolitik sind gefordert, diese Vielfalt aktiv anzuerkennen, sichtbar zu machen und gemeinsam mit den Communities weiterzuentwickeln.

Der vorliegende Bericht wurde dankenswerterweise vom vorarlberg museum zur Verfügung gestellt.

Aufnahme der Veranstaltung

© ÖUK
Graphic recording des Vortrages von Mark Shep
© Dennis de Jonge / teamwork werbeagentur
Graphic recording des Vortrages von Ceren Güneröz
© Dennis de Jonge / teamwork werbeagentur
Graphic recording des World Cafés
© Dennis de Jonge / teamwork werbeagentur