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Querschnittsthemen

 

Welttag der Kulturellen Vielfalt: Von der Freiheit und Vielfalt der Kunst in Zeiten von Covid-19

Ein Kommentar von Katharina Groeblinger und Monika Mokre

Nach den langen Wochen seit dem Lockdown des alltäglichen Lebens und des gesamten Kunst- und Kulturlebens Mitte März hat das Untere Belvedere seine Pforten am 15. Mai als erstes Bundesmuseum unter strengen Auflagen wiedereröffnet, wie zum Beispiel dem obligatorischen Mindestabstand, Mund- und Nasenschutz, Umgangs- und Verkehrsregeln. In den nächsten Wochen und Monaten werden die beiden anderen Standorte und alle weiteren (Bundes-) Museen folgen. Galerien unter 400 qm2 durften schon Mitte April mit Geschäften der gleichen Größe eröffnen. 

Mitte Mai steht der österreichische Kunst- und Kultursektor vor dem lang ersehnten Comeback. Nachdem die Regierung unter Kanzler Sebastian Kurz relativ schnell finanzielle Rettungsschirme für diverse Sektoren und Arbeitnehmer*innen gespannt hatte, wurde der Kunst- und Kultursektor sehr lange hinten angestellt.

Nach langem Warten, fehlender Kommunikation, gerechtfertigten Aufschreien und offenen Briefen aus Kunst, Kultur und Politik, bezeugte die Pressekonferenz am 17. April von Vizekanzler Werner Kogler und Ulrike Lunacek, mittlerweile Ex-Staatssekretärin für Kunst und Kultur Unkenntnis über Rahmenbedingungen und Bedürfnisse.

Am 15. Mai, dem Tag von Lunaceks Rücktritt, präsentierten Werner Kogler und Gesundheitsminister Rudolf Anschober die lang ersehnten Informationen und nächsten Schritte zur geplanten Wiederbelebung des Sektors. Ab Ende Mai können schrittweise wieder Veranstaltungen im Innen- und Außenbereich geplant werden, auch Kinobesuche werden ab 1. Juli wieder möglich sein, selbstverständlich unter Einhaltung von diversen Vorschriften. Auch der Kultursommer, inklusive den Salzburger Festspielen und dem Konzertfestival Grafenegg, soll teilweise in reduzierter Form umgesetzt werden. Viele Details, vor allem hinsichtlich der Umsetzung, sind noch unklar. Große Erwartungen werden aktuell vor allem in Andrea Mayer, die frisch angelobte Nachfolgerin von Ulrike Lunacek, gesetzt. 

Laut dem aktuellen Regierungsprogramm sind Kunst und Kultur „ein wesentlicher Faktor“ für Österreichs Stellung in der Welt. Abgesehen von der wirtschaftlichen Komponente, sind sie auch wichtig um „aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen“ sichtbar zu machen bzw. zu lösen. Um ihre Position in Zukunft noch weiter zu stärken, müssen die „bestmöglichen Rahmenbedingen für die in der Kunst und Kultur Tätigen sowie für die vielfältigen kulturellen Einrichtungen“ inklusiver sozialer Absicherung geschaffen werden.

Die aktuelle Gangart spricht jedoch eine andere Sprache. Die Covid-19 Krise zeigt nicht nur die politischen Versäumnisse der letzten Jahre wie unter einer Lupe vergrößert, auch die rhetorischen Ausweichmanöver und die prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen im gesamten Sektor werden deutlicher denn je. Abgesehen von Härtefallfonds, Künstler*innensozialversicherungsfonds, etc. braucht es für die gesamte Dauer der Krise eine rasche und unbürokratische Absicherung für alle im Sektor tätigen Personen. Nach der Krise sind die angekündigten Maßnahmen zur Schaffung von entsprechenden Rahmenbedingungen nötig. Dazu gehört auch die Erhöhung des Kulturbudgets und die Wertschätzung, die einer Kulturnation würdig ist.

Diese Wertschätzung hat nicht nur den großen Institutionen und Events zu gelten, sondern auch und insbesondere all den kleinen Initiativen und Organisationen, die die kulturelle Vielfalt Österreichs ausmachen. Im Jahr 2006 hat Österreich die „UNESCO-Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen“ unterschrieben. Hier heißt es in Artikel IV: „Die kulturelle Vielfalt zeigt sich (…) auch in den vielfältigen Arten des künstlerischen Schaffens, der Herstellung, der Verbreitung, des Vertriebs und des Genusses von kulturellen Ausdrucksformen (…).“ Dafür braucht es die soziale Absicherung derer, die diese kulturelle Vielfalt schaffen.

Kulturschaffende haben mit großer Begeisterung und ebenso großer Hoffnung wahrgenommen, dass in das aktuelle Regierungsprogramm erstmals der Begriff „fair pay“ aufgenommen wurde – als sollte dies nicht eine Selbstverständlichkeit sein. Doch jetzt ist noch weniger selbstverständlich, was es schon vorher nicht war – und daher kann nur weiter gehofft werden, dass dieses ausdrückliche Ziel der Regierung nicht „wichtigeren“, weil wirtschaftlichen Zielsetzungen zum Opfer fällt. Denn schließlich sagt die Konvention auch: „Da die Kultur eine der Hauptantriebskräfte der Entwicklung ist, sind die kulturellen Aspekte der Entwicklung ebenso wichtig wie ihre wirtschaftlichen Aspekte.“

Angesichts des Tags der kulturellen Vielfalt am 21. Mai sollte aber auch noch ein anderer Artikel der Konvention zitiert werden. „Die kulturelle Vielfalt kann nur dann geschützt und gefördert werden, wenn die Menschenrechte und Grundfreiheiten, wie die freie Meinungsäußerung, die Informations- und die Kommunikationsfreiheit sowie die Möglichkeit der Einzelpersonen, ihre kulturellen Ausdrucksformen zu wählen, garantiert sind.“ Zwei Tage vor dem Tag der kulturellen Vielfalt wurde der „Ute-Bock-Preis für Zivilcourage“ an zwei Initiativen verliehen, die Geflüchtete in Österreich und auf der sogenannten „Balkanroute“ unterstützen. „Fairness Asyl“ und „SOS Balkanroute“ zeigen Zivilcourage im Kampf um die Rechte von Menschen, die staatlicherseits nicht geschützt und gefördert, sondern bedroht werden. Gefährdet werden hier nicht nur kulturelle Ausdrucksformen, sondern das nackte Überleben. Doch ohne Menschenrechte keine kulturelle Vielfalt.

„Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit.“ Der Satz, der auf der Fassade der Wiener Sezession thront, mahnt in der aktuellen Situation zu Vorsicht und Achtsamkeit über alle Grenzen hinweg. In einer Zeit ohne Kunst, was sagt das über den Wert und die Bedeutung von Freiheit?  In einer Zeit ohne gleiche Freiheit für alle, was sagt das über den Wert und die Bedeutung von kultureller Vielfalt? Diese beiden Fragen sind untrennbar miteinander verbunden. Kunst und Kultur in ihrer Vielfalt sind unabdingbar für eine lebendige Demokratie. Die Wochen des Lockdowns zeigen, was passiert, wenn Kunst und Kultur uns in ihrer Rolle als demokratisches Werkzeug und als Spiegel für das Selbst und Andere genommen werden. Und schon deutlich länger zeigt sich, wie (lebens)notwendig jeder Einsatz für die Demokratie ist.


Welttag der kulturellen Vielfalt 
Am 21. Mai ruft die UNESCO alljährlich dazu auf, den Reichtum unterschiedlicher Kulturen, Lebensstile, Traditionen und künstlerischer Ausdrucksformen öffentlich zu feiern. Die UNESCO-Generalkonferenz hat am 20. Oktober 2005 die "Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen" verabschiedet. 148 Länder und die Europäische Union haben die Konvention, auch bezeichnet als 'Magna Charta der Kulturpolitik', seither ratifiziert. 


Über die Autorinnen

Monika Mokre
Studium der Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Seit 1991 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Senior Researcher am  Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW, Lehraufträge am Institut für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft der Universität für Musik und darstellende Kunst, an der Webster University Vienna und am Lehrgang Cross Disciplinary Strategies der Universität für angewandte Kunst . Mitglied im Fachbeirat Kulturelle Vielfalt in der Österreichischen UNESCO-Kommission von 2010 - 2019.

Katharina Groeblinger
hat an der Karl-Franzens-Universität Graz Kunstgeschichte und Anglistik/Amerikanistik studiert und ist seit dem Wintersemester 2019 Studentin im Universitätslehrgang "Kulturmanagement" an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien, in dem auch Monika Mokre lehrt. 

Weiterführende Informationen

Naoshima / Yayoi Kusama

In einer Zeit ohne Kunst, was sagt das über den Wert und die Bedeutung von Freiheit? In einer Zeit ohne gleiche Freiheit für alle, was sagt das über den Wert und die Bedeutung von kultureller Vielfalt?

Katharina Groeblinger und Monika Mokre