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Querschnittsthemen

 

UNESCO-Lehrstuhl im Portrait: Für die Erhaltung kulturellen Erbes

Univ.-Prof. Gabriela Krist ist seit 2019 Lehrstuhlinhaberin des UNESCO-Chairs ‚Conservation and Preservation of Tangible Cultural Heritage‘ am Institut für Konservierung und Restaurierung der Universität für angewandte Kunst Wien. In einem Interview spricht sie über den Reiz internationaler Forschungsprojekte, die Identitätsstiftung des Kulturerbes und ihre Begegnung mit dem Dalai Lama.

Frau Prof. Krist, worin lag das Bemühen um die Einrichtung dieses UNESCO-Lehrstuhles begründet?

Unseren Auftakt im internationalen Feld machte unser Institut 2004 mit einem großen Projekt in Indien. Über einen Zeitraum von zehn Jahren haben wir eine tibetische Tempelanlage untersucht und restauriert. Dieses Projekt war auch mit mehreren Forschungsprojekten, Diplomarbeiten und Dissertationen verbunden. Dann kamen sukzessive weitere Länder wie Nepal, die Mongolei, China und Thailand hinzu, in denen wir bis heute in der vorlesungsfreien Zeit mit unterschiedlichen Teams tätig sind – also mit Senior Conservators, teilweise Studierenden, auch Absolvent*innen und anderen Expert*innen. 2019 haben wir im Rahmen der Reihe edition:angewandte das Buch „Beyond Borders. Conservation goes International“ herausgegeben, das unsere internationale Tätigkeit beschreibt. Für unsere Bewerbung für den UNESCO-Lehrstuhl haben wir uns schließlich aus zwei Gründen entschieden: einerseits wollen wir unserem Engagement im internationalen Bereich, also vor allem in Asien, zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Andererseits sehen wir die UNESCO als eine gute Möglichkeit an, dem Einsatz unserer Kolleg*innen, die sich mit viel Herzblut für das Welterbe engagieren, einen gewissen offiziellen Rahmen zu geben. Ich denke, das ist uns gelungen.

Ein kleiner Blick zurück – welche Stationen lagen auf Ihrem beruflichen Werdegang?

Nach meiner klassischen Ausbildung zur Kunsthistorikerin und Restauratorin in Wien wurde ich Assistentin im Bereich Gemälderestaurierung an der Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz – ich war also von Anfang an in der Lehre tätig. Anschließend, als ich zu dissertieren begann und Freiräume gesucht habe, bin ich mit ICCROM [International Centre for the Study of the Preservation and Restoration of Cultural Property] in Kontakt gekommen und hatte die Möglichkeit, dort nach dem Studium ein viermonatiges Programm in Rom zu absolvieren. Das hat mich nicht mehr losgelassen! Ich war fasziniert vom Engagement der Organisation und vom Arbeitsfeld, in dem sich ICCROM bewegt. Ich habe mich um eine Stelle beworben und durfte nun für acht Jahre als Programm Officer vor allem in Asien tätig sein. Das war das erste Mal, dass ich mit Indien in Kontakt kam. Später habe ich auch in Japan in verschiedenen Projekten zur Restaurierung von Objekten aus Japanpapier gearbeitet – dort war ich wirklich gerne und die Arbeit hat mich sehr ausgefüllt.

Jedoch habe ich mich dann aus privaten Gründen entschlossen, aus Rom wegzugehen. Die Angewandte hat Personen gesucht, denen der internationale Kontext nicht fremd ist und die diesen in ihre Programme einbeziehen – und so bin ich hier Professorin geworden.

Sie sind also bestens in internationalen Netzwerken eingebunden. Inwiefern können aus Ihrer Sicht UNESCO-Lehrstühle wichtige Instrumente im Rahmen internationaler Lehre und Forschung sein?

Ich glaube, dass ein UNESCO-Lehrstuhl ein großartiges Vehikel sein kann, um Kapazitäten zu bündeln und auszuloten. Unser Lehrstuhl ist ja nicht einmal ein Jahr alt und wir haben uns bereits um ein internationales Vernetzungstreffen bemüht – allerdings haben sich diese Pläne mit einem Lehrstuhltreffen in Deutschland überschnitten, an dem wir natürlich teilgenommen haben. Dementsprechend planen wir aber für das Jahr 2020 uns zunächst auf österreichischer Ebene intensiv auszutauschen und zu vernetzen.

Ich bin auch davon überzeugt, dass es in allen Forschungs- und Arbeitsfeldern in Zukunft viel stärker  als bisher darum gehen wird, über den eigenen professionellen Tellerrand hinauszuschauen. Wenngleich Restaurierung natürlich gewissen Richtlinien und ethischen Grundsätzen folgt, wird es zukünftig, glaube ich, vermehrt darum gehen, interdisziplinär und transdisziplinär weitere Kapazitäten im eigenen Feld festzumachen und mit anderen Kompetenzfelder zu bereichern.  Es wird bei Restaurierung also nicht mehr rein um die fachliche Kompetenz gehen – vielmehr müssen wir, die wir im Kulturbereich tätig sind, uns mit anderen Problemfeldern auseinandersetzen, etwa mit Fragen des Managements oder der Naturlandschaft. Umso mehr freut es mich, dass es in Klagenfurt demnächst einen neuen UNESCO-Lehrstuhl für Sustainable Management of Conservation Areas geben wird, mit dem wir auf jeden Fall in Verbindung treten werden.

Was assoziieren Sie spontan mit der UNESCO? Bitte um ein paar Begriffe oder Gedanken.

Bildung! Bildung ist letztlich das einzige Tool, um Frieden zu sichern und um sicherzustellen, dass es Ländern, denen es nicht so gut wie Österreich geht, besser gehen wird. Nicht umsonst ist Bildung auch ein zentrales Thema der UNESCO. Dann natürlich auch Kultur in all ihren Ausformungen – von tangible bis intangible heritage, die natürlich eng miteinander verknüpft sind. Und Weltoffenheit und Frieden. Diese Themen werden überall, weltweit mit der UNESCO assoziiert. Die UNESCO ist nicht irgendeine NGO oder Organisation, die nur lokale Bedeutung hat, sondern sie steht global – natürlich in jedem Land in unterschiedlichsten Ausprägungen – stellvertretend für diese Begriffe.

Kulturelles Erbe ist zunehmend Gegenstand des öffentlichen und politischen Diskurses. Welchen gesellschaftlichen Wert bzw. welche Rolle messen Sie – aus Sicht ihrer Profession – kulturellem Erbe bei?

Zunächst sind kulturelles Erbe und die Leidenschaft dafür natürlich das, was meinen bzw. unseren Beruf ausmacht. Diese Leidenschaft für das ‚tangible heritage‘, das Materielle, das man angreift und interaktiv mitbestimmen kann, müssen Restaurator*innen mitbringen. Es ist eine Berufung. Dabei ist Kulturerbe selbstverständlich viel mehr als das, was man angreift oder restauriert – es ist Identität. Wenn etwa in Afghanistan Kulturerbe zerstört wird, nimmt man den Afghan*innen nicht nur ihre Geschichte, sondern auch ihre Identität. Wenn Terroristen die Buddha-Statuen von Bamyian in die Luft sprengen, ist das weit mehr als das Zerstören eines angreifbaren Objektes. Vielmehr geht der Begriff des kulturellen Erbes weit über den Objektdiskurs hinaus und ein solcher Akt der Zerstörung ist dementsprechend viel tiefgreifender und vernichtender.  Es geht darum, dass wir anhand kulturellen Erbes den nachfolgenden Generationen erklären können, woher wir kommen und wohin wir gehen. Gerade deswegen ist Kulturerbe Identitätsstiftung – und als solche so wichtig.

Sie können auf jahrelange Erfahrung im internationalen Kontext – vor allem im asiatischen Raum – zurückgreifen. Welche Begegnungen oder Ereignisse blieben besonders eindrücklich in Erinnerung? Konnten Sie diese von Ihnen angesprochene gesellschaftliche Bedeutung kulturellen Erbes im Rahmen ihrer Projekte wahrnehmen?

Ja, und das ist etwas, was bleibt und was mich tief berührt. Hierzu möchte ich zwei Beispiele nennen. Das erste Beispiel betrifft Nako, ein kleines Dorf, das im Norden Indiens, wo wir – am Dach der Welt auf 4.000 Metern – zehn Jahre lang tätig waren. Hier ging es vor allem darum, gemeinsam mit der Bevölkerung sowie der Buddhist Society Restaurierungskonzepte zu entwickeln. Vieles, das für uns technisch selbstverständlich wäre, ist dort nicht möglich, zumal die Herstellung eines Buddhas oder eines Mandalas für die Bevölkerung in erster Linie einen religiösen Hintergrund hat. Umso notwendiger war es, mit der Buddhist Society an unserem Konzept zu feilen, um es in Einklang mit den Traditionen und religiösen Wertvorstellungen der Bevölkerung zu bringen. Wirklich berührt hat mich, dass der Dalai Lama die Tempel, die wir dort restauriert haben, im Anschluss persönlich eingeweiht und sich bei uns für unseren Einsatz bedankt hat. Es war auch ein persönliches Highlight in meinem Leben, von einer solchen Persönlichkeit Dank zu bekommen und Feedback, dass unser Restaurierungskonzept aufgegangen ist.

Ein zweites Ereignis, das mich geprägt hat, war das Erdbeben 2015 in Nepal. Abgesehen von der immensen humanitären Katastrophe, stellte das Erdbeben einen erheblichen Verlust an Kulturgütern und Identität dar. Da Nepal keine funktionierenden eigenen Restaurierungsprogramme hat, war es ein großartiges Gefühl, hier ein Bindeglied zu sein und den Menschen in Nepal ihr Kulturerbe, und damit einen wichtigen Teil ihrer kulturellen Identität, wiedergeben zu können.

Prof. Dr. Gabriela Krist leitet das Institut für Konservierung und Restaurierung an der Universität für angewandte Kunst Wien seit 1999. Dort hat sie den 2019 geschaffenen UNESCO-Lehrstuhl für die Erhaltung von Kulturerbe inne.

Links

Vor jedem Eingriff werden das Konzept und die einzelnen Maßnahmen vor Ort eingehend diskutiert
© Institut für Konservierung und Restaurierung, Universität für angewandte Kunst Wien
Die eingestürzte Königsäule am Patan Durbar Square konnte bereits ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal wieder aufgestellt werden
© Institut für Konservierung und Restaurierung, Universität für angewandte Kunst Wien
Restaurierung der feuervergoldeten Skulptur von König Yoganarendra im Februar 2017
© Institut für Konservierung und Restaurierung, Universität für angewandte Kunst Wien

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