Jugenddelegierte der Österreichischen UNESCO-Kommission bei der 70. Tagung der UN-Frauenrechtskommission
Gemeinsam mit der österreichischen Delegation nahm unsere Jugenddelegierte Kiara Titze vom 9.–20. März 2026 an der 70. Tagung der UN-Frauenrechtskommission (Commission on the Status of Women, CSW70) im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York teil. Die CSW ist das wichtigste zwischenstaatliche Gremium für die Gleichstellung der Geschlechter. Die Tagung fand zu einem Zeitpunkt statt, an dem zu beobachten ist, dass der Wille zum Multilateralismus schwindet, demokratische Räume schrumpfen und die Rechte von Frauen und Mädchen weltweit unter Druck geraten. Im Folgenden fasst Kiara Titze ihre Eindrücke aus New York zusammen.
Der Fokus der CSW lag dieses Jahr auf der Gewährleistung des Zugangs zur Justiz für alle Frauen und Mädchen, im Einklang mit dem Ziel für nachhaltige Entwicklung (SDG) 16 zur Schaffung friedlicher, gerechter und inklusiver Gesellschaften. Die CSW70 hatte sich zum Ziel gesetzt, die Gleichstellung der Geschlechter unmittelbar in der Architektur von Rechtsstaatlichkeit und Zugang zur Justiz zu verankern, wie es im SDG-Rahmenwerk vorgesehen ist. Die österreichische Delegation wurde von Dr.in Anna Sporrer, Bundesministerin für Justiz, geleitet. Die stellvertretende Leitung übernahm Botschafter Mag. Gregor Kössler, Ständiger Vertreter Österreichs bei den Vereinten Nationen in New York. Ein Großteil der Delegation bestand zudem aus Vertreter*innen der Zivilgesellschaft mit Schwerpunkt auf Gleichstellung und Frauenrechten.
Die CSW70 war ein Erfolg und zugleich eine ernüchternde Bilanz des bisherigen Fortschritts
Um zu verstehen, worum es bei der CSW70 geht und warum so viel Hoffnung und Arbeit in diesen Prozess gesteckt wird, muss die Entwicklung der Frauenrechtsagenda innerhalb des multilateralen Systems nachvollzogen werden. Die 1995 bei der CSW39 verabschiedete Pekinger Erklärung und Aktionsplattform (Beijing Declaration and
Platform for Action) schuf die bis heute umfassendste Grundlage für die Gleichstellung der Geschlechter – sie war ein Zeichen des Aufbruchs und des progressiven Fortschritts. Die Pekinger Erklärung prägte die internationale Agenda maßgeblich und führte dazu, dass im Jahr 2000 die Gleichstellung der Geschlechter offiziell in die Entwicklungsagenda der Vereinten Nationen aufgenommen wurde. Die seither zurückgelegte Entwicklung ist von einem schrittweisen Rückgang normativer Ambitionen geprägt. Von der Pekinger Erklärung über die hoffnungsvolle Ausrichtung der Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs) und die weitreichende, aber chronisch unterfinanzierte Ära der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) bis heute. Sowohl der Ablauf als auch die Ergebnisse der CSW 70 offenbarten einen Wandel in der Dynamik multilateraler Verhandlungen, in der die vorrangige Aufgabe nicht mehr darin besteht, Fortschritte zu erzielen, sondern das bereits Erreichte zu sichern. Während der Kommission war deutlich zu beobachten, wie Diplomat*innen mehr Energie für den Schutz bereits vereinbarter Formulierungen als für die Aushandlung neuer Standards aufwandten. Die Auswirkungen auf den Multilateralismus und die internationale Gemeinschaft sind erheblich und reichen weit über die Agenda zur Gleichstellung der Geschlechter hinaus.
Der Gegenwind gegen die Gleichstellung der Geschlechter auf multilateraler Ebene ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis politischer Bemühungen, bestehende Regelungen im Bereich der Frauen- und Minderheitenrechte oder auch im Klimaschutz aufzuweichen. Die Folgen: eine zunehmende Bedrohung für sozialen Zusammenhalt und Demokratie. Spürbar war dies in Verhandlungssälen, NGO-Räumen, in Gesprächen mit Aktivist*innen und auf den Straßen New Yorks. Antifeministische Bewegungen und ihnen nahestehende Regierungen üben gezielten Druck auf Organisationen und Einzelpersonen aus. Gleichzeitig ziehen sich Stiftungen und Geldgeber aus progressiven Themen zurück. Begriffe wie Gender, Feminismus und Queer verschwinden vielerorts aus Förderausschreibungen und Briefings. Die Sicherheit zivilgesellschaftlicher Akteur*innen war erheblich gefährdet. Schätzungsweise ein Drittel der üblichen NGO-Vertretungen blieb aus. Vielen Angehörigen der LGBTQIA+-Community wurde von einer Einreise in die USA abgeraten, da das damit verbundene persönliche Risiko, verstärkt durch finanzielle und reiserechtliche Ungleichheiten für marginalisierte Gruppen unverhältnismäßig hoch ist. Zugang bleibt ein Privileg, keine Selbstverständlichkeit.
Resolution der CSW70
Die Verhandlungen begannen mit einem ersten schriftlichen Entwurf („Nullentwurf“); zuvor vereinbarte Formulierungen galten dabei traditionell als gesicherte Grundlage. Bei der CSW70 wurde genau das zur Streitfrage. Unter dem Vorsitz von Botschafterin Maritza Chan aus Costa Rica, mit Noah Oehri aus Liechtenstein und Flavia Umulisa aus Ruanda als Co-Moderator*innen, verfolgte das Präsidium eine klare Ambition: ein kompaktes, handlungsorientiertes Dokument und das bereits am ersten Tag der Kommission. Die Wochen davor waren geprägt von intensiven Verhandlungen über aufeinanderfolgende Entwürfe, die den wachsenden Druck konkurrierender politischer Positionen deutlich spiegelten. Informelle Konsultationen zogen sich bis in die frühen Morgenstunden des Eröffnungstages. Eine kleine Zahl von Delegationen verweigerte bis zuletzt eine konstruktive Beteiligung und setzte Verzögerung bewusst als Verhandlungstaktik ein.
Das Ergebnis der Verhandlungen wurde mit 37 Ja-Stimmen, einer Nein-Stimme und sechs Enthaltungen angenommen, begleitet von tosendem Applaus im Plenarsaal der Generalversammlung. Der endgültige Text ist ein ausgehandelter Kompromiss, der einige der fortschrittlicheren Formulierungen aus früheren Entwürfen nicht mehr enthält. Gestrichen wurden ein eigener Unterabsätze zur uneingeschränkten Beteiligung von Frauen an der Ausarbeitung von UN-Verträgen und zwischenstaatlichen Verhandlungen, ebenso ein ganzer Abschnitt zu Klima- und Umweltgerechtigkeit für Frauen und Mädchen. Verweise auf Drogengesetze als Ursache für die Inhaftierung von Frauen wurden entfernt, die ausdrückliche Erwähnung von „Quoten" als vorübergehende Sondermaßnahme ebenfalls.
Auf der anderen Seite enthält der Text auch echte Fortschritte. Neu aufgenommen wurde ein Absatz in der Präambel zur Agenda für Frauen, Frieden und Sicherheit. Wirtschaftlicher Missbrauch wird erstmals ausdrücklich als Form von Gewalt anerkannt. Und die Feminisierung der Armut (d.h. die Tatsache, dass Frauen tendenziell häufiger armutsbetroffen sind als Männer) wird als strukturelles Hindernis für den Zugang zur Justiz benannt – eine wichtige Anerkennung, die in früheren Texten so nicht festgehalten wurde. Besonders hervorzuheben ist die Aufnahme einer Forderung nach erweiterten globalen und regionalen Datenbanken zu allen Formen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, mit explizitem Fokus auf Femizid, also der Ermordung von Frauen* aufgrund ihres Geschlechts. Femizid zählt zu den extremen und gleichzeitig am wenigsten dokumentierten Formen geschlechtsspezifischer Gewalt. Vergleichbare Datensysteme sind die Voraussetzung dafür, Muster zu erkennen, Präventionsmaßnahmen zu entwickeln und zu finanzieren.
Junge Menschen bei der CSW
Auf UN-Ebene wurden bei der diesjährigen CSW im Rahmen des „Pact for the Future“ neue Prinzipien eingeführt, die jugendliche Beteiligung in zwischenstaatlichen Prozessen inklusiver, sicherer und repräsentativer gestalten sollen: „Core Principles for Meaningful Youth Participation“. Zum ersten Mal war ein interaktiver Dialog mit Jugenddelegierten offiziell Teil des formellen CSW70-Programms. Ein Schritt in die richtige Richtung. In diesem Dialog sprachen sich Jugendvertreter*innen unmissverständlich für einen Zugang zur Justiz für alle Frauen und Mädchen, Gleichberechtigung, sexuelle und reproduktive Rechte, LGBTQIA+-Rechte und Diversität aus. Sie forderten inklusive Rechtssysteme, die Abschaffung diskriminierender Gesetze und den Abbau struktureller Barrieren.
Zusätzlich fand am 8. März im UN-Hauptquartier das CSW70 Youth Forum unter dem Titel „Voices Without Borders“ statt. Obwohl das Interesse an der Veranstaltung groß war, ließ die Umsetzung leider zu wünschen übrig. Kurzfristige Organisation, erhebliche Zugangshürden und kaum finanzielle oder organisatorische Unterstützung machten die Teilnahme für viele unmöglich. Für ein Forum mit dem Motto „Voices Without Borders“ war das ein Widerspruch in sich. Begeisternd waren dagegen die Beiträge junger Aktivistinnen aus Ecuador, Brasilien, den Philippinen, Trinidad und Tobago und anderen Ländern, welche entweder den staatlichen Delegationen oder unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen NGOs angehörten. Ihre Klarheit, Interdisziplinarität und Verankerung in der Arbeit vor Ort waren inspirierend. Besonders bewegend waren die Gespräche zwischen jungen und älteren Aktivist*innen aus aller Welt. Ein Miteinander über Generationen, das in diesen Räumen der UN zu selten stattfindet. Im Vergleich zu den vergangenen CSW-Tagungen waren jedoch deutlich weniger junge Menschen, indigene Aktivist*innen und Positionierungen zu LGBTQIA+-Themen sichtbar.
Ein weiteres Thema, das junge Menschen und besonders junge Frauen in diesen zwei Wochen beschäftigte, war die eigene Beschäftigungssituation im zivilgesellschaftlichen Bereich. Budgetkürzungen zwingen Organisationen dazu, nur einzelne oder Leitungspersonen zu Konferenzen wie der CSW zu entsenden. Beim Ausscheiden älterer Kolleg*innen werden Stellen nicht nachbesetzt sowie keinen neuen Stellen geschaffen. Dabei fehlt es nicht an jungen, gut ausgebildeten Menschen, die bereit sind, sich zu engagieren. Dies ist in der UN selbst ebenso wie bei uns in Österreich zu beobachten. Bei sozialen und feministischen Themen wird das besonders deutlich. Arbeit, die nicht mehr finanziert wird, verschwindet nicht, sie wird von der Gemeinschaft übernommen – auf eigene Kosten, in der eigenen Zeit. Diese Care-Arbeit tragen wie in den Jahrhunderten zuvor überwiegend Frauen und marginalisierte Gruppen jeglichen Alters. Junge Frauen sind konfrontiert mit der gleichen ökonomischen Gewalt, gegen die schon ihre Vorgängerinnen gekämpft haben – Resultat der noch immer existierenden patriarchalen Strukturen.
Persönliches
Die Teilnahme an der diesjährigen CSW, als Teil der offiziellen Delegation, war eine Herausforderung und ein Privileg. Diese zwei Wochen haben mir persönlich gezeigt, wo und wie Rückschritte in der Gleichstellung auf internationaler Ebene entstehen, und wie ein breiter Trend des „Backlashes“ bis in die höchste Diplomatie wirkt. In einem Kontext eskalierender globaler Krisen und zunehmendem Gegenwind gegen Frauenrechte ist die Arbeit der UNESCO relevanter denn je. Die Schaffung inklusiver Lernumgebungen, die Förderung von Frauen in der Wissenschaft, der Schutz von Journalistinnen sowie gezielte Bildungsprogramme für Mädchen, auch im digitalen Raum, sind keine isolierten Maßnahmen, sondern zentrale Bausteine einer langfristigen Strategie zur Gleichstellung der Geschlechter. Bildungsarbeit, die sowohl Mädchen als auch Jungen adressiert, hat dabei das Potenzial, gesellschaftliche Normen nachhaltig zu verschieben. Sie schafft bessere Ausgangsbedingungen für die nächste Generation und verringert strukturelle Risiken, denen Frauen und Mädchen täglich ausgesetzt sind. Als Jugenddelegierte der Österreichischen UNESCO-Kommission möchte ich mich mit Nachdruck für den Abbau struktureller Barrieren einsetzen, die echte Gleichstellung nach wie vor verhindern. Abschließen möchte ich diesen Bericht mit einem Ausspruch Simone de Beauvoirs, das von der Frauenrechtsaktivistin Claudine Monteil überliefert ist:
„Never forget that a political, economic or religious crisis will be enough for women’s rights to be called into question. These rights are never acquired. You must remain vigilant throughout your life.”
Frei übersetzt: „Vergessen Sie nie, dass es nur einer politischen, wirtschaftlichen oder religiösen Krise bedarf, um Frauenrechte in Frage zu stellen. Diese Rechte können niemals als selbstverständlich angesehen werden. Sie müssen Ihr ganzes Leben lang wachsam bleiben.“
UNESCO: Geschlechtergleichstellung und Jugendpartizipation
Die UNESCO versteht Gleichstellung als eines ihrer prioritären Handlungsfelder und veröffentlicht alle zwei Jahre einen umfassenden Bericht über Fortschritte bei der Stärkung der Rechte von Frauen und Mädchen in allen Bereichen ihres Mandats. Der aktuelle Bericht „UNESCO in Action for Gender Equality 2024–2025" zeigt sowohl Erfolge als auch den langen Weg, der noch vor uns liegt.
Ein weiterer Fokus liegt auf der Stärkung der Partizipation junger Menschen – in der UNESCO selbst, in ihren Netzwerken und im Rahmen nationaler und internationaler Konferenzen wie der UN-Frauenrechtskommission. Alle zwei Jahre findet zudem das UNESCO Youth Forum am Rand der Generalkonferenz der Organisation statt.
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