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Presse

der Österreichischen UNESCO-Kommission  
Foto: © Colourbox.de / Eduardo

Advisory Mission Report stellt klar: Heumarktprojekt unvereinbar mit Welterbestatus

30.03.2019

Der Ergebnisbericht von ICOMOS International zur Welterbestätte Wien liegt seit 18. März 2019 vor - und bestätigt alle Einschätzungen und Forderungen der letzten Jahre. Die Österreichische UNESCO-Kommission begrüßt das eindeutige Statement der Bundesregierung im Rahmen der Pressekonferenz am 18. März 2019 zum Erhalt der Welterbestätte Wien. BM Gernot Blümel kommentiert den ICOMOS Bericht als „verheerend“, spricht von langjährigen Versäumnissen und verspricht allen UNESCO und ICOMOS Forderungen nachzukommen.

Mit dem „Advisory Mission Report“ liegt nun der Ergebnisbericht der Advisory Mission im November 2018 vor, im Zuge derer sich internationale Experten von UNESCO und ICOMOS International (beratendes Gremium der UNESCO, International Council for Monuments and Sites, dt. Internationaler Rat für Denkmalpflege) vor Ort ein Bild des Erhaltungszustands der Welterbestätte „Historisches Zentrum von Wien“ machen konnten. Die Expertenanalyse befasst sich mit der städtebaulichen Gesamtentwicklung der Historischen Innenstadt seit der Einschreibung als Welterbestätte im Jahr 2001 und beurteilt, ob der außergewöhnliche universelle Wert („outstanding universal value“, OUV) der Stätte noch gegeben ist  bzw. angesichts geplanter Projekte weiterhin gegeben sein wird. Zudem liegt nun erstmals eine umfangreiche Studie (HIA) zur Entwicklung der Welterbestätte Wien vor, die die langjährige Verminderung des OUV dokumentiert. Beide Berichte  sind die Grundlage der Beschlussempfehlung für das UNESCO-Welterbekomitee 2019 sein.

Zentrale Aussagen des Reports:  

Im Kontext der bereits zugelassenen städtebaulichen Veränderungen der historischen Stadtlandschaft seit 2001 ist das Projekt Heumarkt in der derzeitigen Planung nicht mit dem Schutz und dem Erhalt des einzigartigen Historischen Charakters der Welterbestätte vereinbar. Darüber hinaus empfehlen die Expert*innen der Mission eine Nachschärfung der gesetzlichen Rahmenbedingungen zum Schutz von Welterbestätten sowie die Ausarbeitung eines umfassenden Managementplans für das Historische Zentrum von Wien. Eine zweijährige Phase zur Überarbeitung des Bauprojekts sowie für weitere ‚corrective measures‘ wird Österreich empfohlen.

Die Mission empfiehlt, dass der Vertragsstaat den Welterbestatus als Schutzkategorie in der nationalen Denkmalschutzgesetzgebung verankert.

Managementsystem und -strukturen für die Stätte sind unzureichend und haben zu einer Erosion des außergewöhnlichen universellen Wertes (OUV) der Stätte seit seiner Einschreibung geführt.

Bauprojekt am Heumarkt
Das geplante Projekt am Heumarkt hat in seiner derzeitigen Form deutliche negative Auswirkung auf den außergewöhnlichen universellen Wert (OUV) der Stätte, in erster Linie infolge seiner bedeutenden negativen visuellen Auswirkungen. Das Projekt bedroht eindeutig die Erhaltung und den Wert der Stätte.

Die Bundesregierung, als Vertragsstaat zur Konvention, sollte mit dem Investor in Verhandlungen treten und ferner schadensmindernde Maßnahmen erarbeiten, um die Auswirkungen zu vermeiden.

Karlsplatz
Betreffend die Projekte Wien Museum und Winterthur Gebäude, sowie die damit einhergehende Neugestaltung des Areals Karlsplatz/Resselpark äußerten sich die Expert*innen grundsätzlich positiv in Bezug auf die unternommenen Adaptierungen der Pläne und sehen das Potential einer städtebaulichen Aufwertung des Areals. Besonders die architektonische Trennung von Wien Museum und Winterthur Gebäude sowie das Abrücken des Winterthurgebäudes von der Karlskirche werden positiv bewertet. Ein umfassendes Heritage Impact Assessment sei angesichts der Änderungen nicht notwendig, allerdings wird empfohlen, die Finalisierung der Pläne in Bezug auf architektonische Details, Materialität etc. im Austausch mit ICOMOS zu unternehmen.

Palais Schwarzenberg und Garten
In Bezug auf die Situation des Schwarzenberg Gartens werden sowohl das Fehlen eines umfassenden gesetzlichen Schutzes für die historische Gartenanlage als auch das Nichtvorhandensein längerfristiger, nachhaltiger Entwicklungskonzepte für das historisch bedeutende Ensemble moniert. Die bereits in der Umsetzung befindlichen Projekte (Belvedere Stöckl, Hotelbauten, Renovierungen u.a) werden seitens der Expert*innen der Advisory Mission kritisch gesehen. Es wird dringend empfohlen, jegliche Umsetzungen der aktuellen Pläne anzuhalten, bis die potenziellen Auswirkungen auf den außergewöhnlichen universellen Wert (OUV) der Welterbestätte „Historisches Zentrum von Wien“ im Rahmen eines umfassenden Heritage Impact Assessments (HIA) erfasst werden.

Die Erosion des Gründerzeitbestands der Stadt ist deutlich und zeigt sich an der großen Zahl an Dachausbauten und -erweiterungen, die seit der Einschreibung 2001 unternommen wurden. Diese Entwicklung erfordert Augenmerk und Behebung.

Kommentare

Gabriele Eschig, Generalsekretärin der Österreichischen UNESCO-Kommission:

„Der umfangreiche ICOMOS-Report hat erneut klargestellt, dass das Bauprojekt am Heumarkt in dieser Form nicht mit der Selbstverpflichtung Österreichs zum Schutz der Welterbestätte im Rahmen der Welterbekonvention vereinbar ist. Seit 2012 wurde dies seitens der UNESCO auch immer wieder deutlich und transparent kommuniziert. Die Bundesregierung hat am 18. März mitgeteilt, dass der Bericht "an Deutlichkeit nicht zu überbieten ist". BM Gernot Blümel erteilt dem Bauprojekt in der aktuellen Form eine Absage und will allen UNESCO und ICOMOS Forderungen nachkommen. Ich freue mich sehr, dass es nach langen Jahren der Unklarheit nun ein klares Committment zum Erhalt des Weltkulturerbes Wien gibt."

Sabine Haag, Präsidentin der Österreichischen UNESCO-Kommission:

Der Ergebnisbericht der Advisory Mission (ICOMOS-Report) hat alle bisherigen Einschätzungen bestätigt. Die Welterbestätte Wien wird nach wie vor als gefährdet eingestuft. Wie seit Jahren seitens der UNSCO kommuniziert, geht es laut Bericht bei der Gefährdung nicht nur um das Bauprojekt am Heumarkt, sondern um das kumulative Zusammenwirken der baulichen Maßnahmen seit 2001. Dazu kommen der fehlende Managementplan, der unzureichende Schutz in der Verankerung der Stadtplanungsinstrumente sowie die mangelnden Rücksicht auf die historische Baubsubstanz. Wien soll und darf kein Museum sein und auch die Notwendigkeit einer städtebaulichen Aufwertung des Areals 'Intercontinental / Wiener Eislaufverein' ist evident. Ich hoffe, dass nun der Weg frei ist, für eine welterbeverträgliche, sensible städtebauliche Lösung, wie sie seitens der UNESCO und ICOMOS empfohlen wird, und die der architektonischen Qualität von Wien gerecht wird.“

Hintergrund: 

Das ‚Historisches Zentrum von Wien‘ wurde seitens des UNESCO-Welterbekomitees 2017 auf die Liste des gefährdeten Welterbes gesetzt. Das veranlasste die Bundesregierung 2018, einen Drei-Stufen-Plan zu konzipieren, um mit Unterstützung von externen Gutachtern und ICOMOS ExpertInnen die Lage zu analysieren und Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Die zwei wesentlichen Ergebnisse liegen nun vor: Der Advisory Mission Report und das HIA-Gutachten des Welterbeexperten Dr. Michael Kloos (Bei diesem vom Bundeskanzleramt in Auftrag gegebenen „Heritage Impact Assessment“ (HIA) handelt es sich um ein Verfahren zur Ermittlung der Verträglichkeit von Bau- und Entwicklungsprojekten für Welterbestätten. Für das vorliegende Gutachten wurde der Architekt, Stadtplaner und Welterbe-Experte Dr. Michael Kloos beauftragt, um die etwaigen Auswirkungen des Projektes „Heumarkt neu“ auf den „außergewöhnlichen universellen Wert“ der Welterbestätte „Historisches Zentrum von Wien“ festzustellen).

Ausblick

Österreich muss bis Mitte April 2019 über getroffene oder geplante corrective measures nach Paris berichten. Auf Grundlage dieses Berichts entscheidet das Welterbekomitee dann im Juni 2019 über weitere Schritte. Bei einer zweijährigen Nachdenkpause zur Überarbeitung des Bauprojekts am Heumarkt sowie zur Erstellung eines Managementplanes verbleibt Wien voraussichtlich auf der Roten Liste, auf der Liste der gefährdeten Welterbestätten.

Die nächste Sitzung des Welterbekomitees findet im Juni / Juli 2019 in Baku, Aserbaidschan statt.

Das Welterbekomitee setzt sich aus 21 gewählten Vertragsstaaten der Welterbekonvention zusammen. Es entscheidet jährlich über die Neuaufnahme von Kultur- und Naturstätten in die Welterbeliste, befasst sich mit dem Erhaltungszustand der eingeschriebenen Stätten und entwickelt Lösungen für gefährdete Stätten.

Downloads

Links

Die ICOMOS-Expertenanalyse befasst sich mit der städtebaulichen Gesamtentwicklung der Historischen Innenstadt seit der Einschreibung als Welterbestätte im Jahr 2001.
© Martin Kupf

Kontakt

Mag. Eva Trötzmüller
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