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Welterbe

Kultur- und Naturerbestätten mit außergewöhnlichem universellem Wert  
Foto: © Alexander Eugen Koller

Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen

© Kuratorium Pfahlbauten
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Versunkene Zeugen prähistorischer Kulturen

Bereits um 5000 v. Chr. wanderten Menschen in die Alpenregionen Mitteleuropas ein, ließen sich dort sesshaft nieder und errichteten von Holzpfählen getragene Siedlungen. Diese prähistorischen Pfahlbauten bestimmten die Geschichte der ersten modernen Gesellschaften und damit die Geschichte der Menschheit bis 500 v. Chr. unmittelbar mit. Die archäologischen Überreste dieser Bauten bilden das einzige österreichische Welterbe unter Wasser als teil einer transnationalen Einschreibung.

Allgemein

Die Zeugnisse prähistorischer Gesellschaften liegen zum Teil unter Wasser verborgen. Dies trägt nicht nur zu ihrer Konservierung bei, sondern macht diese außerdem zu einem einzigartigen, unsichtbaren Weltkulturerbe. Die archäologischen Überreste aus der Jungsteinzeit, Bronze- und Eisenzeit, von ca. 5000 v. Chr. bis ca. 500 v. Chr., die dieses Welterbe bilden, befinden sich um den gesamten Alpenbogen unter Wasser, in Feuchtgebieten und an See- und Flussufern. Der außergewöhnlich gute Erhaltungszustand der organischen Fundobjekte stellt einen unschätzbaren Wert dar, geben diese doch detaillierten Aufschluss über die einstigen Bewohner der Pfahlbauten. Die Funde bilden eine wichtige Grundlage für die Erforschung der frühen Agrargesellschaften in Europa und geben Auskunft über Umwelt, Ackerbau, Viehzucht, Handwerk, technische Neuerungen und Alltag ihrer Bewohner. Auf Basis der organischen Funde ist es möglich, gesamte Siedlungen zu rekonstruieren und ihre Entwicklung im Laufe der Zeit zu verfolgen.

Zu den gefundenen Objekten zählen Holzfragmente, Textilien, Pflanzen und Knochen, welche mithilfe von Verfahren zur Bestimmung des Alters (Dendrochronologie) eine genaue Datierung der archäologischen Quellen zulassen. Die Ergebnisse ermöglichen unter anderem Rückschlüsse auf Handelsrouten im Alpenraum für Muscheln, Gold, Keramikprodukte und Bernstein. Des Weiteren zeugen Funde von Holzrädern, teilweise sogar noch mit den Achsen für zweirädrige Karren, oder Kanus aus der Zeit um 3400 v. Chr. von der Mobilität der Bewohner. Die ältesten Überreste von Textilien in Europa aus der Zeit um 3000 v. Chr. liefern, zusammen mit den übrigen zahlreichen Ausgrabungsstücken, wichtige Erkenntnisse über das Zusammenleben und die Siedlungsstrukturen von rund 30 verschiedenen Kulturen in den Alpenregionen.

Österreich

Von den gelisteten 111 Fundstellen befinden sich fünf in Österreich, im Attersee, Mondsee und Keutschacher See. Insbesondere wurden an diesen Orten diverse Vorlagen und Formen zur Herstellung von Werkzeugen und anderen Hilfsmitteln gefunden. Diese zeichnen somit ein Bild der verwendeten Materialien von Kupfer über Bronze und schließlich Eisen und liefern wichtige Erkenntnisse zur Entwicklung und technischen Innovationen. Außerdem profitierten die Siedlungen von ihrer Nähe zur Donauregion in Bezug auf Handel und Kontakt mit anderen Kulturen. Beispielsweise fungierten etwa die östlichen Stätten (Keutschacher See) als Vermittler von Neuerungen aus der Balkanregion, insbesondere im Bereich der Metallurgie.

Als älteste der österreichischen Fundstätten gilt jene Inselsiedlung inmitten des Keutschacher Sees, welche mithilfe von Dendrochronologie und der Radiokarbonmethode in das erste Viertel des 4. Jahrtausends v. Chr. und somit in die Kupferzeit datiert wird. Die Siedlung rund um den Mondsee etablierte sich einige Zeit später gegen Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. und zeugt speziell von den vielzähligen Handelskontakten etwa mit Bayern (Hornstein für die Herstellung von Steingeräten) und Norditalien (Feuerstein als Zündquelle, Schmuck und zur Herstellung von Werkzeugen und Waffen verwendet). In der Bronze- und Eisenzeit entstanden schließlich die Siedlungen rund um den Attersee, datiert zwischen 1690 und 1260 v. Chr.

© Kuratorium Pfahlbauten
© NHM/Alice Schumacher
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Das Welterbe Kriterien: (iv),(v)

Die Prähistorischen Pfahlbauten rund um die Alpen wurden 2011 als transnationales, serielles Weltkulturerbe in die Liste der Welterbestätten aufgenommen. Die 111 intakten Fundstellen (von insgesamt 937 bekannten Stätten) in Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien, Slowenien und der Schweiz dehnen sich über ein Kerngebiet von rund 274 ha in diesen alpinen und subalpinen Regionen Europas aus.

Jeweils eine der 5 eingetragenen österreichischen Stätten befindet sich im Keutschacher See (Ktn) und Mondee (OÖ), drei Siedlungen im Attersee (OÖ).

(iv) Die Fundstätten der Pfahlbauten stellen eine der wichtigsten archäologischen Quellen für die Erforschung der frühen Agrargesellschaften in Europa zwischen 5.000 und 500 v. Chr. dar. Die Bedingungen unter Wasser haben zur Erhaltung von organischem Material geführt, die in außergewöhnlicher Weise zu unserem Verständnis von bedeutenden Veränderungen in der neolithischen und bronzezeitlichen Geschichte Europas im Allgemeinen, und von den Interaktionen zwischen den Regionen im Alpenraum im Speziellen, beiträgt.

(v) Die Fundstätten der Pfahlbauten haben einen außerordentlichen und detailreichen Einblick in die Siedlungen und die Siedlungsstruktur prähistorischer, frühbäuerlicher Gemeinschaften an Seeufern in den alpinen und subalpinen Regionen Europas über den Zeitraum von fast 5.000 Jahren ermöglicht. Die zum Vorschein gebrachten archäologischen Zeugnisse erlauben ein einzigartiges Verständnis darüber, wie diese Gesellschaften mit ihrer Umwelt in Reaktion auf neue Technologien sowie die Auswirkungen des Klimawandels interagierten.

© Kuratorium Pfahlbauten
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Literatur

CICHOCKI, Otto: Neue neolithische und urnenfelderzeitliche Holzfunde aus dem Keutschacher See. Nachrichtenblatt  Arbeitskreis Unterwasserarchäologie. 2003.
OBEREDER, Jörg/PERNICKA, Ernst/RUTTKAY, Elisabeth: Die Metallfunde und die Metallurgie der kupferzeitlichen Mondseegruppe. Ein Vorbericht. Archäologie Österreichs. 1993.
OFFENBERGER, Johann: Die „Pfahlbauten“ der Salzkammergutseen. Das Mondseeland. Ausstellungskatalog des Landes Oberösterreich. 1981.
RUTTKAY, Elisabeth et al. (Hsg.): Prehistoric lacustrine villages on the Austrian lakes. In: Menotti, Francesco (Hg.): Living on the Lake in Prehistoric Europe: 150 years of lake-dwelling research. London 2004.


Weiterführende Links

UNESCO World Heritage List Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen 


Video - Pfahlbauten in Österreich